Zugspitze übers Reintal: unerwartetes Gipfelglück

Bei der aktuellen Wetterlage glaubt man kaum an überhaupt einen ordentlichen Bergtag. Tägliche Gewitterwarnungen, Starkregen, Wolkenbrüche. Spätestens ab Mittag sollte man in Deckung gehen. Um so aufregender war es, die angesetzte Tour auf die Zugspitze nicht nur durchzuführen, sondern sogar noch schneller als geplant zu vollenden. Lest hier von frühen Weckern, persönlichen Rekorden, ultrasteilen Geröllfeldern.

Lang geplant und doch versäumt

Geplant war bereits seit langem übers Reintal auf die Zugspitze zu gehen. Spätestens nach dem Ausflug auf die neue Höllentalangerhütte letztes Wochenende war Deutschlands höchster Berg ins Zentrum der Planungen gerückt. Die Route übers Reintal wurde schon lange diskutiert, doch schreckte bisher immer der angekündigte “lange Hatscher” bis hinter zur Reintalangerhütte. Wie kann man nur 600 Höhenmeter auf 5 Stunden verteilen? Insgesamt über 20 km und 2.300 hm bis auf den Gipfel. Egal. Wenn man alles stückelt, ist auch diese längste von 5 Routen auf Deutschlands höchsten Berg gut machbar.

Der Plan war also: früh raus. Von Garmsich in Reintal. Von der Reintalangerhütte auf die Knorrhütte. Dort übernachten. Am nächsten Tag auf den Gipfel. Und irgendwie wieder zurück.

Der frühe Vogel…

Der Wecker klingelt um 04:00 Uhr. Auch wenn ich als Frühaufsteher verschrien bin, ist selbst mir das etwas zu früh. Roboterhaft ziehe ich an, was ich mir am Vorabend zurecht gelegt habe. Der Rucksack ist so gut wie gepackt. Nur das Brot muss noch belegt werden. Ja, auch früh um vier gibt es ein Grillgemüse-Erdnussmus-Käse-Avocado-Brot. Wir wollen es ja auch schön haben.

Die Straßen sind frei um die Zeit. Und so steht dem Start in Garmisch um 5:45 nichts im Weg. Es ist bereits hell, klar, und noch ziemlich frisch. Der Himmel strahlt blau und von den angekündigten Gewittern ist noch keine Spur. Wir umgehen die Partnachklamm. Ein breiter Forstweg führt uns in entspanntem Auf und Ab durch lichten Wald. Immer wieder öffnet sich ein Blick ins Tal. Dichter Nebel hängt teils noch tief zwischen den Baumwipfeln und lässt erste Sonnenstrahlen durch brechen. Schon ist der frühe Start vergessen und wir sind dankbar für den kostbaren Blick. Die ersten zwei Stunden sind kaum spürbar. Und schon empfängt uns die Bockhütte mit Kaffee und Kuchen.

Zaubertal statt langer Hatscher

Die Strecke von hier ab ist wunderbar. Entlang der Partnach geht es auf lieblichem Weg immer weiter hinter ins Tal. Links und rechts ragen riesige Felsflanken auf. Wir vermuten Schachen, Alpspitze und Hochwanner. Der Weg bleibt stets am Wasser. Anfangs ist dieses schmal in einer Klamm zusammengefasst, dann öffnet sich das Flussbett zu einem weiten Strom. Wir bleiben ständig stehen und versuchen den Moment aufs Foto zu bannen. Doch ist uns klar, dass weder iPhone noch Spiegelreflex die Stimmung so wiedergeben können.

Früher als gedacht erreichen wir die Reintalangerhütte. In meiner Begrifflichkeit bekommt sie den Namen “Shanti-Hütte”. Auch wenn wir nur auf einen kurzen Kaffee da sind, empfängt sie uns gastlich und mit einer gewissen Lässigkeit. Nepalesische Gebetsfahnen flattern, Tische und Stühle stehen direkt am Flussbett. Von hier aus öffnet sich das Tal zu einer alpinen Spielwiese – wohl aus diesem Grund auch “Golfplatz” genannt. Weit und grün, leicht hügelig und herzallerliebst – bis es im Talschluss steil bergauf geht. Hier nun beginnt für uns gefühlt der tatsächliche Aufstieg auf die Zugspitze.

Steile Flanken und dunkle Wolken

Der Weg wird zunehmend alpiner. In straffen Serpentinen geht es hinauf. Die vorher üppige Vegetation macht mehr und mehr Platz für Geröll und Fels. Je weiter wir empor steigen, desto berauschender wird der Blick ins Reintal. Von oben sieht man das Wasser glitzern und immer mehr Gipfel außenrum werden sichtbar. Was uns an dieser Stelle allerdings auch auffällt, sind die Wolken am Himmel. Wo kommen die denn auf einmal her? Sie fliegen schnell und haben dunkle Bäuche.

Ja. Nein. Vielleicht.

Die Knorrhütte sollte unser Tagesziel sein. Es ist 11:35 als wir ankommen. Erstmal sitzen. Trinken. Es gibt Chili von Carne. Wir sind hin und her gerissen. Es ist noch so früh am Tag und der Gipfel “nur” noch 3 Stunden und 900 Höhenmeter entfernt. Die Wolken bauschen sich weiterhin auf. Doch der Wetterbericht für morgen ist noch schlechter. Auf der Hütte erfahren wir außerdem, dass der letzte Anstieg auf die Zugspitze nicht möglich ist, da zu viel Schnee ist. Man solle die Gondel vom Sonnalpin nehmen.

Wir denken also in Etappen. Die zwei Stunden zur Gondel können wir gehen. Zur Not drehen wir um. Also los. Schon kurz nach der Knorrhütte können wir in der Entfernung das Skigebiet erkennen. Es liegt tatsächlich noch viel Schnee im Zugspitplatt. Wir sehen Liftgebäude, verbaute Flächen, Schlepper, Skimobile auf dem trockenen Fels. Trotz der künstlichen Eingriffe ist die Natur hier oben atemberaubend. Weit. Und durch die tief hängenden Wolken noch dramatischer. Über einige Schneefelder nähern wir uns weiter dem Etappenziel. Ein kurzer Blick nach rechts lässt uns staunen: der Zugspitzgipfel mit Glasfronten und Baukränen scheint ein Katzensprung.

Entscheidungen und Konsequenzen

Das ist auch der Grund warum wir uns gegen die Gondel entscheiden. Wegen ein bisschen Schnee hier abbrechen? Nein. Ein Versuch ist es wert. Gerade wo wir andere Wanderer sehen, die den steilen Aufstieg wagen. Zuerst geht es über ein “extrem steiles” (so die Routenbeschreibung) Geröllfeld im Zickzack hoch. In unserem Fall ist es ein extreeeem steiles Schneefeld. Klingt erstmal fies. Ist aber unser Glück. Parallel zum eigentlichen Weg stapfen wir auf einem dünnen Altschneefeld immer steiler hoch. Dieses rutscht zumindest nicht ab, wie der Schotter daneben. Trotzdem ist alle Konzentration und Trittsicherheit gefordert, würde ein noch kleiner Fehler hier fatale Folgen haben. Ein bisschen psychologische Betreuung ist gefragt. Ich bin froh als wir den eigentlichen Klettersteig erreichen.

Dieser wurde als leicht beschrieben. Warum ich auch konsequenterweise mein Klettersteigset und Gurt zu Hause gelassen habe. Kurz überlege ich, ob das die richtige Entscheidung war. Ein paar Meter entlang dem Drahtseil aber geben wir Vertrauen. Das geht schon. Gut festhalten, gut hinschauen und nicht nachdenken. Einige Stellen sind etwas knifflig, weil das Seil unter Schnee liegt. Aber der Gipfel rückt immer näher und treibt mir ausreichend Endorphin ins Blut.

Kulturschock mit Currywurst

Die letzten Meter zum Gipfel sind grotesk. Wir stampfen mit müden Beinen entlang von künstlichsten Verbauungen und Leitungen, bis wir schließlich eine Stahltreppe erreichen. Hier kommen uns schon die ersten Turnschuhtouristen entgegen. Oben am Münchner Haus bietet sich ein noch wilderes Bild. Hier tummeln sich Araber und Norddeutsche zwischen Currywurst und Germknödel. Wir sehen Alexander Huber mit Familie, trinken Schnaps und können kaum glauben, dass wir tatsächlich an einem Tag ganz hoch gelaufen sind.

Meine Bilanz:
21 km.
2.300 Höhenmeter.
8:30 Stunden.
1 Grillgemüse-Erdnussmus-Käse-Avocado-Brot.
1 Gurke.
1 Apfelschorle.
1 Johannisbeerschorle.
1 Kuchen.
1 Kaffee.
1 Schnaps.
2 Liter Wasser.