Wir sind lieber draussen in der Elternzeit

Zwei Monate gemeinsame Elternzeit. Von Anfang an war es für uns klar, dass wir diese zum Reisen nutzen wollen. Denn wann werden wir wieder eine Gelegenheit haben solch ein Abenteuer zu dritt zu bestreiten und so viel Zeit füreinander zu haben? Diese Auszeit vom Alltag ist nun bereits ein halbes Jahr her – eine gefühlte Ewigkeit und dennoch so lebendig in meinem Kopf, dass sie mir immer noch ein breites Lächeln ins Gesicht zaubert.

In der Elternzeit reisen

24 Stunden am Tag für zwei Monate ununterbrochen zusammen zu sein: Schweißt das zusammen oder genau das Gegenteil? Für mich war es eindeutig ersteres. Gemeinsam Herausforderungen bewältigen wie auch den Alltag auf kleinstem Raum zu bestreiten, habe ich als etwas unheimlich Bereicherndes erlebt. Solch eine Family-Time ist so intensiv, dass sie einen noch enger zusammenrücken lässt.

So viele Gedanken

So viel Zeit und so viele Möglichkeiten! Wohin soll es eigentlich gehen, was ist die beste Reiseart mit Kind, wann der optimale Zeitpunkt und welches Reisebudget steht einem eigentlich zur Verfügung? Ich habe mir viele Gedanken vor unserer ersten großen gemeinsamen Reise gemacht. Man könnte auch sagen, schlaflose Nächte. Die Erkenntnis: Nicht alles lässt sich mit Baby oder Kleinkind vorab im Detail planen (Gefällt unserem Kind das Reisen? Wie klappt das mit der Beikost auf der Reise? Was ist, wenn der Kleine krank wird? …). Einiges muss man auch einfach auf sich zukommen lassen und davon ausgehen, kein Pech zu haben.

Wohin des Weges?

Endlich das schon lang ersehnte Fernreiseziel ansteuern? Oder einmal quer durch Europa Richtung Süden oder Norden aufbrechen? Vielleicht sogar einfach mal sein eigenes Heimatland bereisen und direkt vor der Haustür starten? Es gab so einige Varianten, die wir uns vorstellen konnten. Faktoren wie Anreiseweg, Klima, Sprache, Krankheiten und die medizinische Versorgung vor Ort waren dann für uns bei der ersten großen Reise mit Baby ausschlaggebend. So fiel die Wahl auf die USA Westküste, ein guter Mix aus „weit weit weg“ (aber nicht zu weit), Direktflug ab München (ist einfach entspannter), zumeist angenehmen Klima (naja, da hatten wir die USA etwas unterschätzt), keinen Verständigungsproblemen (meistens zumindest), keinen speziellen Impfungen (juhuu!) und medizinischen Standards vergleichbar mit Deutschland.

Welche Reiseart?

Hotel, Ferienhaus oder doch ein Wohnmobil? Da wir einen Roadtrip in den USA geplant haben, fiel unsere Wahl recht schnell auf das Wohnmobil, auch wenn wir alles andere als erfahrene Camper waren. Ausnahme war Las Vegas: Dort haben wir im Hotel übernachtet, um unkompliziert und mit kurzen Wegen die Stadt erkunden zu können. Mit dem Wohnmobil ist es dort auch so gut wie unmöglich einen Parkplatz in der Innenstadt zu finden.

Für uns sprach vieles für die Reise mit Wohnmobil: Wir sind flexibel hinsichtlich der Routenplanung und können jederzeit Pausen einlegen. Dies war uns ein besonders wichtiges Anliegen, da wir nicht einschätzen konnten wie lang die täglichen Strecken mit Kind sein durften. Gekocht und geschlafen wurde so auch mal spontan am Wegesrand oder auch an Plätzen wo es einfach besonders schön war. Wir hatten unser Zuhause immer dabei.  Alles hat seinen festen Platz und das lästige und schnell mal nervenaufreibende Suchen nach Windeln, Schnuller & Co sind auf ein Minimum reduziert. Auch hatte unser Kind mit dem Wohnmobil einen vertrauten Rückzugsraum und immer den gleichen Platz zum Schlafen. Und nicht zuletzt: Wir wollten möglichst viel draußen sein und unbedingt in den Nationalparks übernachten – das geht nur mit dem Zelt oder Wohnmobil.

In welchem Alter mit Kind auf Elternzeit Reise?

Wir sind kurz nach dem 1. Geburtstag unseres Babys aufgebrochen. Ein für uns, auch rückblickend, idealer Zeitpunkt. Zum Einen hat unser Kind noch in das Babybett im Flieger gepasst und der erste Schwung Impfungen und U-Untersuchungen war geschafft. Zum Anderen waren auch wir in unserer Elternrolle angekommen und damit weitaus gelassener wie auch sicherer im Umgang mit unserem Kind als vielleicht zu Anfang.

Natürlich spielt in diesem Alter Beikost wie auch der Übergang zum Familienessen eine weitaus größere Rolle als bei kleineren Kindern. Auch sind 1-Jährige zumeist schon recht mobil und die ersten Gehversuche treiben einem die Schweißperlen auf die Stirn. Letztendlich haben wir dies jedoch nur selten als stressig empfunden, denn es war einfach schön, seinem Kind durch das Reisen jeden Tag neue Impulse zu geben.

Und wie lange weg?

In Deutschland haben wir die komfortable Situation, dass Eltern 12 Monate bezahlte Elternzeit nehmen können. Dies kann bis auf 14 Monate aufgestockt werden, wenn einer der Partner mindestens zwei Monate Elternzeit nimmt. Manchmal ist es vielleicht nicht möglich, oder auch gar nicht gewollt, so lange zu verreisen. Aber die Elternzeit ermöglicht Familien weitaus länger, als mit dem normalen Jahresurlaub zu, verreisen. Wir waren acht Wochen unterwegs und hätten, nach Ablauf dieser Zeit, noch so einige Wochen weiterreisen können.

Ist das Reisen in der Elternzeit im Sinne des Erfinders?

In den Feuilletons dieser Welt liest man heutzutage immer wieder, dass die Elternzeit zur Reisezeit „verkommt“ und nicht dem ursprünglichen Gedanken der Stärkung der Familienbindung im normalen Alltag dient. Das kann man so sehen. Ich habe jedoch diese Zeit auf Reisen als sehr wertvoll für genau diese Familienzeit empfunden und weitaus mehr Zeit mit meinen Lieben verbracht, als wenn wir zuhause geblieben werden. Von daher: Ein Hoch auf das Reisen!