Winterabenteuer Norwegen Teil 1

Endlich. Das lange Warten, das Skitourengehen üben, das ständige Checken des Wetterberichtes und das Hoffen auf genügend Schnee hat ein Ende. Zu fünft geht es zum Münchner Flughafen. Zuhause hat bereits der Frühling Einzug gehalten. Fünf Tourentage in den norwegischen Lyngen Alpen warten auf uns.

Die Gruppe

Ein bunt gemischter Haufen hat sich für dieses Norwegen Abenteuer zusammen gefunden. Da ist zum einen Fritz: alteingesessener Bergführer beim Skiclub Falkenberg, Ski-Berghaserl durch und durch und um keinen Spruch verlegen. Der zweite im Bunde ist Franz. Immer ein verschmitztes Lächeln auf dem Gesicht, fit wie ein Turnschuh, Meister der Spitzkehre und verlässlicher Träger des Gipfelschnaps. Matthias, Organisator dieser Reise, hat unsere schönen Tourenski gebaut, ist unser geduldiger Freeride Mentor und übt sich in diesem Urlaub im Drohnenfliegen. Auch der Mann ist dabei. Christoph ist der einzige Splitboarder in der Gruppe, hält mental Händchen wenn es mal wieder zu steil für die Frau ist und war bis zu letzt skeptisch gegenüber diesem Abenteuer (Sind wir wirklich schon fit genug???). Und zu guter letzt ich, Melanie. Blutige Skitouren Anfängerin, aber verrückt genug mit diesem Haufen eine Woche in den Norden Norwegens zu reisen.

Faszination Norwegen

Die Lyngen Alpen gehören zum nördlichsten, was das norwegische Festland zu bieten hat. Schneebedeckte Berge fallen hier sanft bis schroff ins dunkle Meer ab. Der warme Golfstrom verhindert das Zufrieren der Fjorde und ermöglicht an den Küsten einen dünnen Vegetationsgürtel aus Birken und Hein. Hat man diese Vegetation einmal hinter sich gelassen, tun sich endlose Skihänge auf, die nichts vermissen lassen. Sanfte, homogene wie auch steile schroffe Hänge stehen häufig Seite an Seite. Insgesamt bieten die Lyngen Alpen rund 60 Gipfel über 1000 Meter, wobei die höchste Erhebung mit 1834 Meter die Spitze des Jiehkkevarri ist. Die höher gelegenen Regionen der Lyngen sind teils vergletschert, erfordern aber nur bei ungünstigen Verhältnissen eine komplette Hochtouren Ausrüstung.

Flieger – Flieger – Mietbus – Fähre – Mietbus

Unser Flieger hebt pünktlich um 8:45 Uhr frühmorgens ab. Trotz kurzer Schreckenssekunde: “Haben Sie Ihr Skigepäck denn angemeldet? Ich muss erstmal prüfen ob Ihre Ausrüstung noch überhaupt Platz hat (laut telefonischer Aussage vorab, war das ja nicht nötig!), geht unser Gepäck und die Skiausrüstung letztendlich problemlos durch. Um 14 Uhr startet dann unser zweiter Flieger in Oslo – diesmal nach Tromsö. Schon der Anflug über die Lyngen Alpen macht Lust auf mehr: Berge soweit der Blick reicht und Schnee bis an die Küste herab. Als auch das Gepäck der Gruppe vollständig ankommt sind wir endgültig optimistisch gestimmt, dass wir eine geniale Woche vor uns haben. Am Flughafen wartet bereits unser Mietwagen auf uns: ein etwas mitgenommener Opel Bus mit traurig nach unten hängender Stoßstange. Aber er fährt und man kann zumindest nicht mehr viel kaputt machen. Nach kurzem Zwischenstopp im Supermarkt – wir decken uns mit Obst, Keksen und norwegischem Bier ein (betrunken werden ist hier eine ziemlich kostspielige Angelegenheit) – geht es nochmal mit der Fähre rund zwanzig Minuten auf die andere Seite des Fjords. Die letzen Kilometer legen wir nochmal mit unserem Bus zurück, bis wir letztendlich an unserem Tagesziel, der Magic Mountain Lodge im kleinen Fischerort Lyngenseidet, ankommen.

Erste Skitour und eine Lawinenairbag Auslösung

Nach gemeinsamen Blick ins schlaue Skitouren Buch der Lodge, virtueller Karte von Franz und Unterhaltung zur Lawinenlage mit unserem Host Patrik, entscheiden wir uns für eine Eingewöhnungstour auf den Russelvjellet auf 794 Meter.
Der Blick am ersten Morgen aus dem eigenen Zimmer ist mehr als vielversprechend. Die aufgehende Sonne färbt die Gipfel der gegenüberliegenden Berge rötlich, der Fjord glitzert und es duftet bereits nach frischem Kaffee und Semmeln. Also frühstücken, rein ins Skitourenoutfit und ab ans andere Ende der Halbinsel nach Russelv, unserem ersten Tourenausgangspunkt.
Wir steigen durch weitläufige Birkenwälder auf. Schnell wird der Blick freier und gibt den Blick auf den vor uns liegenden weißen Berghang frei. Sets in unserem Rücken: das dunkelblaue Meer. Es ist ein einmaliges Erlebnis diese Kombination aus Bergen und Meer zu erleben. Der Kontrast zwischen den schwarz wirkenden Fjorden und den sich daraus erhebenden schneebedeckten Gipfeln ist an Schönheit kaum zu toppen. Gesprochen wird kaum. Keine Pause, Fotos müssen – zu meinem Leidwesen- während dem Laufen geschossen werden. Jedoch jeder genießt das fantastische Erlebnis für sich selbst. Knapp zwei Stunden und 45 Minuten später, haben wir unsere 790 Höhenmeter hinter uns gebracht. Oben erstmal dick einpacken. Der Wind pfeift ordentlich und so wird es nur ein kurzer Gipfelstopp bevor wir gemeinsam, mehr oder weniger elegant, abfahren. Wir gleiten meist durch Pulverschnee, jedoch auch vereinzelt über kratzigen Fels. So sieht der ein oder Ski sieht am Ende des Tages doch etwas ramponiert aus. Unten am Bus angekommen, kniet Fritz schwitzend auf seinem ABS Rucksack: der Airbag ist voll aufgeblasen, “nur eine Testauslösung“, wie er schmunzelnd meint. Man müsse schließlich sein Material auch ausprobieren. Das lassen wir mal unkommentiert so stehen.

Der Birkenslalom

Am nächsten Tag geht es für die Gruppe mit der Fähre auf die gegenüberliegende Seite. Nordöstlich von Bjorkli steigen wir zu unserem zweiten Skitourenziel, dem Storhaugen (1142 Meter) auf. Was für die Münchner der Hirschberg ist, ist für die Einheimischen dieser Berg. Die reguläre Route auf den Gipfel ist meist lawinensicher und bietet mit seinen breiten 25 Grad steilen Hängen auch für Anfänger nicht allzu schweres Terrain. Dennoch ist der fast dreistündige Aufstieg schweißtreibend und nichts für konditionsschwache Tourengeher. Das Gemeine: während des gesamten Aufstiegs ist der Gipfel stets in Sicht, nähert sich jedoch nur in elendigem Schneckentempo. Belohnt werden wir mit einem unglaublichen Blick. Von hier oben erscheinen die Lyngen Alpen wahrlich wie im Meer versunkene Eisberge. Die Abfahrt ist die reinste Freude: Pulverschnee satt und kein Steinchen trübt das Vergnügen. Unten erwartet uns zum Abschluss noch ein Birkenslalom: Etwas orientierungslos versuche ich gleichzeitig zu bremsen, Kurven zu fahren, Bäumen auszuweichen und den Rest der Gruppe nicht aus den Augen zu verlieren. Kurze Adrenalinstöße wechseln sich mit Birkenbäumchen ab. Erst am Parkplatz kommt der Puls so langsam wieder runter.

Regeneration auf vier Pfoten

Heute entspannen Christoph und ich unsere beanspruchten Wadeln und machen Tourenpause. Wir werden mit Schlittenhunden fahren. An unserem Treffpunkt angekommen, warten die felligen Gesellen bereits auf uns. Wir kleiden uns noch schnell in mollige Arktis taugliche Skianzüge, bevor es in den Zwinger zum Hunderudel geht. Rund vierzehn Huskys laufen freudig auf uns und die anderen sechs Teilnehmer zu. Schnell stellt sich heraus, dass wir es hier mit wahren Schmusehunden zu tun haben. Es werden ausgiebig Ohren gekrault, Schnauzen getätschelt und hier und da auch Gesichter abgeschleckt. Dann geht es los – nicht nur für die Huskys sondern auch zu unserer Überraschung auch für uns: wir fahren nicht nur mit, sondern selber Schlitten. Vier bis sechs Huskys werden je auf die drei Holzschlitten verteilt und an ihrem Geschirr per Karabiner an der langen Leine befestigt. Aufgeregt ziehen die Hunde an den Schlitten. Nach kurzer Einweisung in die verschiedenen Bremstechniken geht es für uns auf den Trail. Die Hunde setzen sich in Bewegung. Nehmen wir die erste Kurve noch etwas zögerlich, lassen wir es dann auf dem schmalen Pfad durch den Wald auch mal laufen. Doch wehe dem, der zu schnell um die Kurve fährt! Der starre Schlitten kippt nur allzu schnell und so steigen wir beide an einer Stelle vom Holzschlitten ab. Doch die Huskys sind dies wohl gewohnt: gutmütig drehen sie sich um und warten brav, bis man wieder aufgestiegen ist. Zum Abschluss der Ausfahrt macht uns unsere Musherin über einer offenen Feuerstelle Kaffee. Mit der dampfenden Tasse in der Hand und fantastischem Blick aufs offene Meer lassen wir den Tag ausklingen.