Winterabenteuer Norwegen Teil 2

Die zweite Hälfte unseres Herzensprojekts hat begonnen. Die ersten längeren Skitouren werden in Angriff genommen. Kondition wie auch Nervenstärke sind an manchen Stellen gefragt! Die Komfortzone wurde definitiv verlassen.

Das Fastdalstinden Rucksack Drama

Unsere Skitour beginnt direkt ab unserem Ausgangsort Lyngseidet. Es geht für uns auf den Berg Klassiker Fastdalstinden auf 1275 Meter. Der steile Spitzkehren Anstieg direkt vom Parkplatz weg, gibt uns bereits einen Vorgeschmack auf die heutige Tour. Hatte man sich zu Anfangs noch warm eingepackt, kann man sich nun dem ganzen Merino-Primaloft Mix wieder entledigen. Wir stapfen weiter zum See Rottenvikvannet. Dieser ist komplett zugefroren und mit Schnee bepudert, sodass er kaum vom Festland zu unterscheiden ist. Wir passieren das Seeufer und erreichen den Fuß unseres Gipfelhangs, welcher erneut steil ansteigt. Für mich heißt es jetzt Endspurt Turbo für die letzten Höhenmeter einschalten. Über den langgezogenen Bergrücken, schrauben wir uns schnaufend aber stetig in nicht enden wollenden Spitzkehren bis zum ersehnten Gipfel. Oben erwartet uns feinster Sonnenschein, aber auch starker Wind, und wir haben große Probleme Felle und Wechselklamotten unter Kontrolle zu halten. Und so verlassen wir den Fastdalstinden trotz wunderbarer Aussicht auf die nördliche Hälfte der Lyngen-Halbinsel so rasch wie möglich. Zu rasch wie sich später noch herausstellen sollte. Froh dem starken Wind entkommen zu sein, wedeln wir bergab und queren zügig einzeln einen steilen lawinengefährdeten Hang. Da klopft schonmal ordentlich das Herz! Wir nehmen dies als guten Grund, die anstehende Abfahrt anhand eines Schneeprofils genauer unter die Lupe zu nehmen. Fritz schaufelt fleißig einen Quader aus dem Schnee und man erkennt sogleich drei verschiedene Schichten. Mit mehreren Schlägen auf den Rücken des Schneegebildes wird nun geprüft, wann und an welcher Stelle die Schneeschichten brechen und abgehen. Auf einmal Franz: “Ja wo ist denn mein Rucksack? Ist der obi grutscht?”. Wir schauen uns alle fragend an und finden nach Prüfung der gemachten Fotos heraus, dass er diesen wohl am Gipfel vergessen hat. Alternativlos, sein gesamtes Hab und Gut befindet sich in besagtem Rucksack, steigt Franz mit geborgten Fellen erneut 400 Höhenmeter bergauf. Das Rucksack Drama wird, neben der “geplanten” Airbag Auslösung, beliebtes Thema in der geselligen Runde bleiben. Allein die aufziehenden Polarlichter am Horizont führen zu einem Themenwechsel. Fasziniert von diesem Naturschauspiel bibbern wir in der Kälte mit unseren Kameras in der Hand. Noch nie hat sich Frieren so gelohnt!

Kantn eini am Storgalten

Einer der beliebtesten Skitouren Berge in den Lyngen Alpen ist der Storgalten mit 1219 Metern. Genau diesen nimmt die Gruppe nun in Angriff. Das Wetter hat angezogen und es ist kälter als die letzen Tage. Wie immer geht es mit zahlreichen Spitzkehren nach oben. Ob jene Verrenkung und ich noch Freunde werden ist ungewiss. Genügend Übungsterrain bietet unser Norwegen Urlaub allemal. Wir passieren felsiges vereistes Terrain. Unsere Skier kratzen laut über den Untergrund. Meine finden jedoch keine Stelle mehr, an welcher sie nicht abrutschten. Und so bastel ich in der vereisten 38 Grad Flanke mit klopfendem Herzen an meinem Halt und Vorankommen.”Hau die Kantn eini! Gscheit!“, höre ich Franz immer wieder hinter mir rufen. In solchen Momenten fragt man sich schon warum man das hier macht. Immer wieder rutsche ich an der gleichen Stelle ab, arbeite mich aber Zentimeter für Zentimeter vor, bis ich die knifflige Eisfläche überwunden habe. Die kommenden Spitzkehren sind jetzt nur noch Kraftakte für mich. Ich bin geschafft und möchte nur noch ankommen. Zu meinem Glück wird das Terrain wieder flacher und so kann ich den restlichen Gipfelanstieg doch noch genießen.
Oben bleiben wir nicht lange alleine. Wie bereits gesagt: dies ist ein Lyngen Paradeberg für alle Skitourengeher. Ein nicht enden wollender Strom bunt gekleideter Italiener begrüßt sich am Gipfel lautstark und auch eine norwegische Snowboard Gruppe schließt auf. Es ist jedoch Platz für alle und so genießen wir den spektakulären Panoramablick auf die rundumliegenden weißen Berggipfel und den blauen Atlantik.
Die Abfahrt verlangt nochmal alles ab. Der Schnee liegt unter einem fiesen Harschdeckel und die Oberschenkel brennen mittlerweile. Wieder Birkenslalom – gut, dass mich keiner bei meinen ungewollt waghalsigen Manövern sieht. Irgendwann lerne ich das nochmal richtig!
Der Abend geht zu Ende mit norwegischen Bier und frisch geräucherten Lachs vom Nachbarn. Die Beine werden schwer und müde. Ein zufriedenes Lächeln stellt sich auf unseren Gesichtern ein.

Blind auf 600 Metern

Dicke Schneeflocken rieseln hinunter. Die Scheibenwischer unseres Buses bewegen sich quietschend hin und her. Ein weißes unendliches Meer vor uns. Wir suchen die Einstiegsstelle unserer Abschlusstour auf den Stetinden. Die äußerst detaillierte Beschreibung “bei einer alten Farm” hilft nur bedingt, aber nach ein paarmal hin und herfahren finden wir besagten Bauernhof. Nur 920 Höhenmeter gilt es heute zu überwinden. Doch je höher wir kommen, desto schlechter wird die Sicht. Noch spurt Fritz fleißig voran. Ich habe bereits sämtliche Orientierung verloren, folge willenlos der Spur und der gelben Skihose von Matthias vor mir. Doch beim Steilstück auf 600 Meter ist Schluss. Die Sicht ist gleich null und auch die Gruppe vor uns bricht an dieser Stelle ab. So heißt es abfellen, Skibindung auf Abfahrt stellen und in langsamen Bögen hinunter fahren. Weiter unten ist die Sicht wieder verträglich und wir machen zum Abschluss noch eine LVS Suche. Wir merken schnell, dass wir von einer Routine bei der Verschütteten Suche noch weit entfernt sind. Üben kann man also nie genug. Unten angekommen gibt es noch einen Abschluss Schnaps und High Five für alle. Das war die letzte Skitour in diesem Norwegen Abenteuer. Magische Lyngen Alpen, wir kommen gerne wieder!