Tourbericht: West Highland Way

Fernwanderwege sind eine feine Sache. Es ist eine ganz andere Art ein Land kennen zu lernen, eine Landschaft, ein Gebirge oder sich selbst. Man kann es nicht mit normalem Reisen vergleichen. Eher mit Meditation, Selbsterfahrung oder Pilgerschaft. Diesmal sollte es der West Highland Way in Schottland sein. Hier ein kleiner Bericht über Strecke, Menschen, Land und Leute.

West Highland Way: Daten. Zahlen. Fakten.

Der West Highland Way ist ein schottischer Fernwanderweg und führt von Milngavie bei Glasgow nach Fort William. Der Weg beginnt in den so genannten Lowlands und führt in die Highlands, vorbei an Schottlands größtem Süßwassersee, dem Loch Lomond, berührt den Taleingang des Glen Coe und endet neben dem Ben Nevis – mit 1344 m der höchste Berg Großbritanniens. Die Gesamtstrecke beträgt 154 km, oder 95 Meilen, wie in Schottland gerechnet wird. Je nach Etappeneinteilung werden für den gesamten Weg meistens sechs bis neun Tage benötigt. Ich habe mich für 7 Etappen entschieden, mit Strecken von 21-32 km am Tag.

West Highland Way

Schottland intern: Weit. Weit. Wandern.

Die Strecke folgt alten Handels- und Militärpfaden. Es sind keine ernsthaft schwierigen Stellen zu meistern. Die Wege sind sehr gut ausgebaut und exzellent beschildert. Es geht also nicht um alpinistische Höchstleistungen, sondern um das weite Wandern. So kann man sich viel mehr auf den Weg konzentrieren. Sich die vielen Bäume, Wiesen und Wälder unterwegs ansehen. Man kann Vögel beobachten, wilde Natur erleben, genauso wie ländliches Leben in den Highlands. Man erlebt, wie sich die Landschaft von Etappe zu Etappe verändert und immer ursprünglicher, bergiger und weiter wird. Man ist den ganzen Tag draußen. Mit sich und der Natur allein. Der maximal große Kontrast zu einem Leben in der Stadt.

Selbsterfahrung: Allein auf der Strecke

Was für mich auch neu ist, ist die Konzentration auf Strecke. Nicht auf Höhenmeter. Diese sind nämlich fast zu vernachlässigen. Zwar wird vom „Devil’s Staircase“ gewarnt – doch wenn man die Alpen gewohnt ist, muss man sich hier keine Gedanken machen. Das soll nicht bedeuten, dass das ein Spaziergang ist! Es ist einfach was völlig anderes 30 km am Tag geradeaus zu laufen. Mit 10 kg auf dem Rücken. Eine ganz andere Belastung für Füße, Schultern und den Geist. Während bei einer Alpenüberquerung die Muskeln schmerzen, die Oberschenkel brennen und alles nur in Höhenmetern gerechnet wird, verursacht hier die Distanz ganz andere Schmerzen. Füße können wirklich wirklich weh tun. Man ist abends erschöpft und glaubt kaum an eine Regeneration… Doch wie es doch immer ist, kann sich der Körper auch an diese Belastung erstaunlich schnell anpassen. Nach dem zweiten Tag läuft alles besser.

Alleine zu reisen ist hier absolut kein Problem – auch nicht als Frau allein! Ich treffe unterwegs einige Alleinreisende Mädels und bin begeistert von der Stärke und Unerschrockenheit mancher Highlandgirls. Technisch bietet die Strecke keine Unsicherheiten, man muss sich also keine Sorgen machen irgendwie liegen zu bleiben. Es sind auch genug Leute unterwegs, die einem im Zweifelsfall weiter helfen können.

Die Schotten sind freundliche, offene Leute! Man wird herzlich empfangen und kommt schnell ins Gespräch – sofern man den anspruchsvollen schottischen Akzent versteht. Nun bin ich öfters alleine unterwegs und hab schon so manches ausprobiert – was für die ein oder andere eine Überwindung sein mag. In Schottland habe ich nur gute Erfahrungen gemacht. Wenn man sich allein an die Bar in einem Pub setzt, wird sich liebevoll gekümmert. Ich hatte nette Gespräche mit Einheimischen, wurde auf Bier eingeladen, hab mich zu Whiskey beraten lassen und hab Leute zum weiterwandern kennen gelernt. Reist man alleine, ist man offener und oft bieten sich besondere Momente, die einem als Paar verwehrt bleiben. Nur zu also, die Damen!

Wen man so trifft

Der West Highland Way ist ein sehr beliebter Weiterwanderweg. Als der bekannteste in Schottland, machen sich jährt ca. 50.000 Wanderer auf den Weg durch die Highlands. Das bedeutet auch, dass man selten für lange Zeit wirklich alleine ist. Das hat Vor- und Nachteile.

Während man im einen Moment die Augen rollt und das Weite sucht – freut man sich auch wieder über Gesellschaft, wenn man den ganzen Tag noch mit niemandem gesprochen hat.

Deutsche gehen offensichtlich gerne wandern. Man trifft sie überall. Auch auf dem West Highland Way. Man erkennt sie besonders an den übergroßen Deuter Rucksäcken. Dazu nur die feinste Funktionsklamotte. Kaum eingetragen, aber Hauptsache alles dabei. Sie sind redselig und kontaktfreudig. Sie tummeln sich gerne untereinander. Manchmal findet man in ihnen gute Unterhaltung. Manchmal aber gehen sie einem auch auf die Nerven.

Auf dem West Highland Way sind tatsächlich auch Schotten unterwegs. Es gehört wohl zu den Dingen, die ein Schotte mal gemacht haben muss. Die Schotten, die ich auf dem Weg kennen gelernt habe, waren mir gute Gesellschaft. Temperamentvoll, eigenwillig und doch liebenswert. Ansonsten treffe ich in Schottland noch Franzosen, Schweizer, Amerikaner. Es ist schön zu sehen, dass dieser Weg auch international so beliebt ist… Bei uns in den Alpen habe ich noch keinen Schotten getroffen.

Wo man so schläft

Bei uns gibt es bewirtschaftete Berghütten. Man bekommt was warmes zu essen, urige Atmosphäre und ist ganz demokratisch mit vielen anderen Wanderern im Lager untergebracht. Dafür zahlt man nicht viel, kann sich aber auf ein Mindestmaß an Versorgung verlassen. In Schottland aber gibt es nichts Vergleichbares.

Auf dem West Highland Way kann man zwischen ganz unterschiedlichen Unterkünften wählen. Für jeden Geldbeutel ist was dabei. Vom gediegenen Hotel bis zum wild campen ist fast alles zu finden. Ich entscheide mich ganz bewusst dafür, Verschiedenes zu probieren. B&B, Hotel, Hüttchen am Campingplatz und Jugendherberge. Auf die Bothy (sehr rudimentär ausgestattete Selbstversorgerhütten) habe ich verzichtet, da ich hier Schlafsack, Isomatte und das ganze Campingzeug hätte mitschleppen müssen.

Rückblickend bin ich ganz froh, mich gegen das Zelten entschieden zu haben. Die 5 kg extra Gepäck wären nicht das einzig unerfreuliche gewesen. Wenn man das schottische Wetter mit einrechnet und das Allein reisen – neeeein. Ich finde, ich habe es ganz gut getroffen. Ein B&B, beispielsweise das „Kip in the Kirk“ in Trymen hat mich unglaublich herzlich empfangen, mit warmen Scones und Tee. Man hat gleich einen Ansprechpartner und das Gefühl bei guten Freunden zu besuch zu sein. Die Jugendherberge in Rowardenen wiederum hat mich durch die exklusive Lage in einem alten Jagdschloss überzeugt. Ein bisschen unterhaltsamer sind die Hütten, die es auf Campingplätzen gibt. Sie bieten 2-4 Personen Platz und Privstsphäre. Man hat eine kleine Heizung und ein trockenes Bett. Die Campingplätze haben dazu meistens auch einen Pub, so dass es auch gemütlich wird am Abend.

Der Pub ist ein gutes Stickwort. Wunderbar, diese Erfindung! Wie schön es ist nach einem langen Wandertag abends in einen typischen Pub zu kommen. Bar Food, ein gutes Bier, ein paar lustige Schotten. So sehr ich unsere alpenländische Kultur schätze, das war eine schöne Abwechslung.

Einziges Manko bei den Unterkünften ist das Alleinreisen. Grundsätzlich kein Problem und ich habe mich auch überall wohl gefühlt – nur sind Einzelzimmer sehr rar, was dazu führt, dass ich sehr oft einfach das komplette Doppelzimmer oder die Hütte zahlen musste. So kam ich auf Preise von 15 – 40 Pfund die Nacht – was ok ist, aber eben auch weniger hätte sein können.

Ein weiterer Hinweis für alle, die es etwas gemütlicher mögen: Auf der ganzen Strecke wird ein Gepäcktransport angeboten. Würde ich selbst zwar nie auf die Idee kommen, aber es hörte sich nach einer guten Sache an.

Schottische Unwägbarkeiten

Ich habe mich für den Mai als Reisezeit entschieden, weil von allen Seiten die Mückenplage ab Ende des Monats gewarnt wird. Diese Plagegeister sollen sich bis September tummeln und einem besonders in den Highlands das Leben schwer machen. Eigentlich eine gute Idee. Um eines vorweg zu nehmen: ich habe keine einzige Mücke gesehen!

Dafür hatte ich ein bisschen Pech mit dem Wetter. Nun rechnet man bei einer Schottlandreise ja schon nicht mit 30 Grad und Sonnenschein. Zum Weiterwandern ist das auch eher hinderlich. Es gibt wunderbare Funktionsbekleidung, die einen warm hält und trocken. Die Klimatabelle gibt für den Mai Temperaturen von 10-15 Grad an. Und im Verhältnis wenig Regen (im Vergleich zu den Vormonaten). Alles super also. Dachte ich. Nun hat es einfach ein bisschen zu viel regnet. Für meinen Geschmack. Das gehen im Regen ist gar nicht so das Problem, doch fehlt einem die Aussicht. Man fährt ja in die Berge um ein Naturerlebnis zu haben, Weitsicht, den Blick schweifen lassen, lässig in der Wiese sitzen und gucken. Wenn man aber 30 km im Dauerregen bei 8 Grad und null Sicht vor sich hin stapft… versteht man warum die Schotten so viel Whiskey trinken.

Ich muss definitiv irgendwann nochmal in die Highlands fahren um manche Aussichten zu bekommen. Da haben wir eine Rechnung offen.

Dem Regen muss man so also einfach mit der richtigen Einstellung begegnen. Es ist sehr typisch! Und passt optisch außerordentlich gut zur Landschaft. Das Farbspektrum bewegt sich in einem warmen Ockerbraun, Rostrot, Olivgrün, dazu verschiedene Grautöne und dunkles erdiges Braun.

Die Stimmung mit Regen und vorüberziehenden Wolken ist sehr beeindruckend. Auch wenn man nicht die vielen dahinter liegenden Gipfel sieht, so kann man sich in diesem Setting um so mehr den heroischen Highlander im Freiheitskampf vorstellen. Oder hab ihr bei Outlander oder Braveheart schon mal blauen Himmel gesehen?

Ausrüstung im Praxistest

Wenn man in schottischer Witterung unterwegs ist, kann man keine Kompromisse machen bei der Ausrüstung. Eine wasserdichte Hardshell ist wahrscheinlich das wichtigste Kleidungsstück. Genauso aber eine sinnvolle Isolationsjacke, wärmendes Merino, eine bequeme Hüttenhose und gut eingelaufene Schuhe. Nicht zuletzt muss man hier den Rucksack nennen! Wenn der nicht ordentlich sitzt, hat man keine Freude.

So konnte ich mit 8,5 kg sowohl alle essenziellen Bedürfnisse erfüllen – trocken, warm und bequem. Genauso aber war ich ganz gut ausgerüstet für den abendlichen Pub Besuch und anschließende Tage in Edinburgh. Lest hier bald mehr von Houdini und Thule. Die beiden schwedischen Marken sind wohl mit widrigem Wetter, gutem Design bei gleichzeitig bedingungsloser Funktion sehr erfahren.

Willst du auch den West Highland Way wandern?

Es gibt einiges an Literatur, die es sich doch lohnt zu lesen vorab. Besonders wenn man zur Hauptreisezeit zwischen Mai und September unterwegs sein möchte, empfiehlt es sich die Unterkünfte vorab zu buchen. Die Strecke ist gut besucht und spontan lässt sich vieles nicht so realisieren.

Hier kann man sich online ganz gut informieren. Es gibt wohl auch viele Touranbieter, die den Weg mit Guide und Gruppe führen. Das kann für die Buchung der Unterkünfte von Vorteil sein. Sonst ist der Weg aber so unkompliziert, dass man das durchaus alleine schafft. Auch ein Gepäcktransport kann noch vor Ort organisiert werden.

https://www.westhighlandway.org

https://www.visitscotland.com/de-de/