Venedig: Kulturschock und Resozialisierung.

Wenn man von München bis ans Meer gelaufen ist, scheint Venedig nur noch ein Katzensprung. Wir sind euphorisch und sehen uns bereits mit Cappuchino im Café Florian auf dem Markusplatz sitzen.

Davor müssen aber noch die mühsamsten Kilometer direkt an einer Straße entlang zurückgelegt werden. Schnurgerade, über 7Kilometer, führt sie direkt zum Boot rüber auf die Lagune. Zu allem Überfluss fährt ein Bus, der gefühlt alle 500 Meter mit einer Haltestelle lockt. Nein, wir laufen. Wir werden überholt von dicken Touristen auf E-Bikes, kommen vorbei an Campingplätzen, verlassenen Höfen, ein paar Touristenshops.

Und plötzlich sind wir auf dem Boot. Das war es also. Nur noch wenige Meter zu gehen. Und wir sind nach 33 Tagen, 550km und 20.000 Höhenmetern in Venedig angekommen. Der Markusplatz erfüllt alle Erwartungen. Menschen. Tauben. Souvenirs. Und monumentale Bauwerke. Wir sind aufgeregt. Machen Fotos. Versuchen den Moment irgendwie zu konservieren.

Wir haben am Tag zuvor online ein Hotel reserviert. Eigentlich direkt hinter dem Markusplatz. Man will ja in unserem Zustand nicht mehr zu weit gehen müssen. Die Beschreibung ist eindeutig, die Straße finden wir schnell. Ganz hübsch an einem Platz gelegen mit Restaurants und kleinen Bars. Nur das Hotel ist nicht da. Wir laufen auf und ab. Kein Eingang. Kein Schild. Nochmal die Hausnummer checken. In solchen Momenten wird einem schnell mulmig. Haben wir irgendwas falsch gemacht? Die Hausnummer führt uns zu einem Spalt zwischen zwei Häusern. Weniger als einen Meter breit führt eine dunkle Gasse weit nach hinten. Sieht aus wie eine Sackgasse. Ganz vorne baumelt ein Pappschild. Wir denken nicht an unser gebuchtes Design-Hotel. Touristen-Napp? Bekommen wir das Geld zurück? Polizei?

Wir wagen uns hinein. Kaum verlässt man die die eigentliche Straße ist es still. Zwanzig Meter führt die Gasse vorbei an Hinterausgängen, man kann in die Küche vom Restaurant kucken, es muffelt aus den Kellern. Die Sackgasse macht noch einen Linksknick, Zack sind wir da. Unglaublich. Ein einladender Eingang. Ein roter Teppich. Hübsch bedeutet. Frische Blumen. Antiquitäten und Designobjekte. Willkommen im Hotel Tiepolo.

Wir bleiben zwei Tage in der Stadt. Nachdem wir beide irgendwann schon mal die wichtigen Touristen Attraktionen angesehen haben, besteht keine Notwenigkeit sich stundenlang in irgendwelche Schlangen zu stellen. Viel mehr sehnen wir uns nach einem Stadt-angepassten Outfit. Auch wenn wir die letzten fünf Wochen sehr genügsam geworden sind und unsere Merino Shirts zu schätzen wissen – wir gehen Shoppen! Einmal neu einkleiden, von oben bis unten, in möglichst kurzer Zeit. Venedig Shopping Queen. T-Shirt, Hose, Socken, Unterwäsche, Schuhe, Handtasche, Schal. Ach, und ein Accessoire. H&M machst möglich, für unter hundert Euro in weniger als zwei Stunden.

Jetzt können wir auch ins Café Florian. Und flanieren, ins Restaurant, in die Bar, ins Museum, durch die Gassen, in die Kirchen und über Brücken, viiiele Brücken. Venedig scheint ausschließlich aus Touristen zu bestehen. Und aus Restaurants und Souvenirshops, die diese Touristen ausnhemen wollen. Wir sind glücklicherweise noch tiefenentspannt und lassen uns im Strom treiben. Wir ignorieren sehr viele sehr herzliche Einladungen gerade hier zu speisen und landen schließlich zufällig und freiwillig in einer kleinen Bar. Es gibt Prosecco, Wein und Sprizz a la Casa. Wir stoßen an, mit uns und dem Barmann. Ein echter Venzianer, auch wenn er eher aussieht wie frisch aus Stockholm importiert. Die Bar ist so herrlich untouristisch, dass wir auch die folgenden zwei Abende hier verbringen. Natürlich unter strenger Einhaltung der Hüttenruhe.

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