Transalp Abifahrt 

Der Wunsch über die Alpen zu laufen ist nicht neu. Früher meist beschwerlich und gefährlich, diente das Überqueren des Gebirges dem Handel, dem Schmuggel oder gar dem Krieg. Vergnügen, Selbsterfahrung und Naturerlebnis standen aber sicherlich nicht im Vordergrund. Ob zur Entschleunigung, als Auszeit, zum Abnehmen, Angeben oder Runterkommen – ganz egal, warum man sich auf den Weg macht, man kommt ein bisschen verändert wieder. Besonders wenn man 17 ist und nächstes Jahr Abitur macht…

Abifahrt mal anders

Zum Saufen nach Spanien, zum Kiffen nach Holland, nach Rom, Athen, Schottland oder ins Kloster. Die Studienfahrt in der 12. Klasse wird bekanntlich für alles mögliche genutzt, nur nicht wirklich für Studien. Dass ich nun hier mit 11 Jungen Erwachsenen über die Alpen laufen würde, hatte ich nicht für möglich gehalten. Und sie selbst wohl am wenigsten.

Ich bin mit Stephan unterwegs. Wir kennen uns aus der Schule. Im Gegensatz zu mir, ist er aber Lehrer geworden – Mathe, Physik, Informatik. Gleichzeitig ist er leidenschaftlicher Bergsteiger und begeisterter Pädagoge. Aber welcher Lehrer tut sich das schon freiwillig an?! Die Verantwortung ist groß. Doch noch größer ist der Wunsch, den Schülern etwas ganz Besonderen mitzugeben.

Andersrum finde ich es auch sehr beachtlich, sich in diesem Alter für eine solche Tour zu entscheiden. Besonders, wenn man nicht im Sport-Leistungskurs ist oder im DAV-Jugendkader. Nein, wir sind unterwegs mit Stephans Schülern, einer gewöhnlichen 12. Klasse eines gewöhnlichen bayerischen Gymnasiums. Elf Junge Leute mit wenig Bergerfahrung, dafür aber mit jeder Menge Neugier.

Von Oberstdorf nach Meran

Der europäische Fernwanderweg E5 überquert die Alpen in Nord-Süd Richtung und führt über meist gut markierte Wege gute 600km von Konstanz am Bodensee bis nach Verona. Gut vier Wochen sollten für die gesamte Tour eingeplant werden, neben guter Kondition, Bergerfahrung und der richtigen Ausrüstung. Von Länge, Aussicht und Anforderungen her kann er also locker mithalten, mit München-Venedig – nur dass er eben eine ganze Ecke weiter westlich verläuft. Allgäu statt bayerische Voralpen. Ötztal statt Inntal.

Nun ist „Oberstdorf – Meran“ nicht ganz „Konstanz – Verona“. Aber es ist wohl eine der spannendsten und herausfordernsten Etappen dieser Alpenüberquerung und mit einer Woche Gehzeit auch in normale Urlaubsanträge und Ferienzeiten zu packen. Das haben auch die Alpinschulen und Alpenvereine erkannt. Diese Alpenüberquerung light ist wohl häufiger begangen, als das lange Original. Nicht minder spannend aber.

Für uns zeigt sich die Tour von der herausfordernden Seite. Es ist bereits Mitte September und wir bekommen einen frühen Wintereinbruch zu spüren. Die Tagesetappen sind eigentlich nicht außergewöhnlich schwer. Es gibt einige versicherte Stellen, steile Bergpfade, alpines Gelände, klar. Aber mit Schnee bekommt der Weg – vor allem für unerfahrene Wanderer – eine spezielle Schärfe. Wir planen also ein bisschen um, wählen im Zweifel die einfachere Route. Zum Glück gibt der Weg einiges her und im Wanderführer sind verschiedene Alternativen beschrieben. Noch besser an dieser Stelle mit Stephan Unterwegs zu sein.

Unterwegs mit dem Autor

Stephan ist Gymnasiallehrer, arbeitet gleichzeitig an der Uni und schreibt nebenher noch Bergbücher. Wir haben schon über ihn berichtet, denn auch auf unserem Weg nach Venedig hatten wir das kleine rote Rother Wanderbuch dabei, das aus seiner Feder stammt. Und auch die Wegbeschreibung des E5 geht auf sein Konto. Was für eine Ehre mit dem Autor zu laufen – zumindest verlaufen werden wir uns nicht.

Auch wenn Stephan sehr bescheiden ist und im Buch kaum ein erkennbares Bild von ihm zu finden ist, so spricht sich auf den Hütten rum, dass der Autor anwesend ist. Schließlich hat fast jeder sein Buch auf dem Tisch. Naja, und der Hüttenwirt gibt den Schnaps aus. Ab und an sieht man das Konkurrenzbuch vom Bruckmann Verlag – doch die einhellige Meinung bestätigt Stephan und Kollege Dirk Steuerwald in ihrer Arbeit. Bewundernde Blicke. Schüchternes Nachfragen. Sogar um ein Autogramm wird gebeten.

Freud und Leid

Besonders als Abifahrt halte ich eine Alpenüberquerung für eine wunderbare Sache. Die Üblichen Exzesse bleiben aus, weil jeder Schnaps den Rucksack am nächsten Tag noch schwerer macht. Der Gruppenzusammenhalt wird gestärkt, da es am Berg vielleicht mal wirklich um was geht. Die Rollen kehren sich um, weil die Coolen nicht unbedingt die Sportlichsten sind. Die Ansprüche relativieren sich, das Handy bleibt aus, die Leistung wird nicht in Noten gemessen.

Sicherlich wurde geflucht und gejammert. Gefroren. Geschwitzt. Gehungert. Es gab Angst, Frust, Schmerz und Sorge. Gleichzeitig aber auch Stolz und Mut, Überwindungskraft und Ehrgeiz, Teamgeist und Leichtigkeit. Und alle 11 sind in Meran angekommen. Gesund. Und sicherlich ein bisschen erwachsener, als nach einer Abifahrt am Ballermann. Am Ende bleibt das Gefühl, zu Fuss nach Italien gelaufen zu sein….