Trailtagebuch #2: Vom Fallen und Aufstehen

Wir sind lieber draussen. Wir haben eine gewisse Motivation und auch etwas Ehrgeiz. Zwar hat das nichts mit Rekorden zu tun, hat aber doch das Ziel, die persönlichen Grenzen ein bisschen auszuweiten. Spaß zu haben. In kleinen Schritten immer ein bisschen weiter. Im Flow scheint alles möglich und die einzige Richtung: nach vorn. Wenn es diesen verdammten Rückwärtsgang nicht gäbe….

Ein schmaler Grat.

Und plötzlich ist alles ganz anders. Ein falscher Schritt. Eine dumme Bewegung. Ein bisschen zu viel Ehrgeiz. Man fällt. Gefühlt in Zeitlupe. Vielleicht sogar nur symbolisch. Aber die Richtung lässt sich nicht mehr beeinflussen. Schon ist monatelanges Training dahin. Der Knochen gebrochen. Die Sehne entzündet. Das Band gerissen. Der lästigen Sportverletzungen gibt es viele. Aber sie sind für jeden einzelnen in dem Moment das Schlimmste was passieren kann. Meine Motivation, ein guter Trailrunner zu werden, hat mich sehr beflügelt. Der strenge Trainingsplan schien zu einem guten Freund zu werden. Jede Einheit spornte mich an. Und jeder müde Muskel war ein Beweis, dass das Training irgendwas bringt.

Still gestanden.

Bis nach sechs Wochen auf einmal mein Vorfuss schmerzt. Nicht schlimm. Also weiter. Dann mehr. Besser doch langsam tun. Nach vier Tagen schwillt der gesamte Fuss an. Gefühlt aus dem Nichts. Kein Schuh passt mehr. Ich gehe zum Arzt. Verdacht auf Marschfraktur. (Nur zur Erklärung: Marsch, weil sich junge Soldaten im Krieg bei zu plötzlicher, anhaltender Belastung die Fussmittelknochen brachen. Einfach weil die Knochen müde waren?!) WTF?! Röntgen. Nichts. MRT. Auch Nichts. Zumindest nichts gebrochen. Immerhin. Also was Anderes. Aber was? Ich sehe auf den schwarzweissen Scheibchen-Ansichten meines Fusses weiße Streifen. Eine Entzündung der Sehne. Sagt zumindest der Doc.

Dellen und Farben.

Mir wird gesagt, dass der Fuss Ruhe braucht und ich ihn zwei, drei Wochen nicht belasten soll. Das klingt einfach. Das ist nun sechs Wochen her. Und es hat sich nicht viel getan. Ich trage immer die gleichen Speaker, weil das die einzigen Schuhe sind, die weit genug sind. Man kann lustige Dellen auf meinem Fuss machen. Die bleiben dann. Manchmal hat er komische Farben. Aber dick ist er immer. Ich war in der Zwischenzeit bei einem anderen Arzt. Hatte Akupunktur. Kinesiotape. Lymphdrainagen. Kompressionsstrümpfe. Eine Schiene. Liege meist mit Bein nach oben. Und ich laufe nicht. Keine Straße. Kein Trail. Und schon garkeinen Berg.

Mit Dämpfer zum Glück.

Ich werde nachdenklich und versuche herauszufinden, was ich aus dem Fuss-Dilemma lernen kann. “Hochmut kommt vor dem Fall“ – da höre ich schon die Kritiker. Wollte ich zu viel? Dabei war ich so bemüht, alles richtig zu machen. Eben nicht zu übertreiben. Soll ich mir keine Ziele mehr setzen? Mich zufrieden geben, mit dem was ist? Aber dann ginge doch jeder Ehrgeiz und jede Chance auf Veränderung verloren. Ist Laufen vielleicht einfach nicht mein Sport? Der Hausarzt (ein Depp) bezeichnet meinen Fuss als „Mimose“ und meint, ich solle halt keinen Sport machen. Aber das kanns ja wohl auch nicht sein.

Krönchen im Endorphinrausch.

Es mag eine Weile dauern. Irgendwann akzeptiert man den Zustand. Staub abklopfen. Krone richten. Weiter machen. Vielleicht von Vorne. Vielleicht was Anderes. Vielleicht mit einer ganz anderen Motivation und Dankbarkeit als vorher. Gerade jetzt bin ich sehr dankbar, dass ich letztes Wochenende zum ersten Mal auf dem Mountainbike saß. Nur mal die kleine Runde die Isar runter. Aber wenn der Körper seit sechs Wochen kein Endorphin bekommen hat, kommen zwei Stunden pedalieren einem Drogenrausch gleich kommen. Ich weiss nicht, wie es weiter geht. Aber irgendwas geht immer. Vielleicht werde ich nicht beim Zugspitzlauf mitmachen. Nicht jetzt. Aber ich bin immer noch lieber draussen und freue mich auf das nächste Abenteuer.