Tourenplanung: Fremdbestimmung oder Harte Arbeit?

Wir kennen sie alle: die kleinen Büchlein, rot, grün oder blau von Rother oder Bruckmann, vom DAV oder Kompass. Die schönsten Touren hier, die besten Wege dort, Mehrtagestouren, Höhenwege oder Überschreitungen – alles scheint schon irgendwie beschrieben zu sein. Wir müssen nur die Anweisungen befolgen und schon bekommen wir die besten Aussichten auf dem Silbertablett. Und wenn uns das selbst zu viel ist, gibt es Guides und Kurse denen man sich gerne anschließen kann.

So sind wir super mit Rother und den Beschreibungen von Stephan Bauer bis nach Venedig gekommen. Wir kennen die “Münchner Hausberge” vom Bruckmann Verlag nahezu auswendig. Und letzten Sommer hat uns ein Guide von ALPS wunderbar mit dem MTB zum Comer See navigiert. Doch machen wir es uns hier nicht zu einfach?

Hörigkeit dem Wanderführer

Kopf ausschalten und hinterher trappeln. Die Verantwortung wird abgeben und nichts steht dem “Konsum” der Berge im Weg. Wir blicken nach links, weil der Führer hier eine schöne Aussicht verspricht. Wir gehen nach rechts, weil alle hier abbiegen. Aber wo sind wir eigentlich? Wie heißt der Berg gegenüber? Und wo komme ich hin, wenn ich einfach geradeaus gehe? Auch wenn es sicherlich Vorteile hat der Empfehlung erfahrener Bergleute zu folgen, so geht hier und da etwas verloren.

Wo bleibt das echte Abenteuer? Haben wir jemals wirklich eine Karte aufgeschlagen und eine Route gesucht? Etappen geplant und Strecken gemessen? Quasi eine Tourenplanung “from the scratch”. Neuland für unsere Pfadfinder-Fähigkeiten und eine herrliche Herausforderung für die nächste Tour.

Alt bekannt und doch ganz neu

Seit Jahren fahre ich nach Bad Gastein in die Sommerfrische. Zum Wellness, zum Wandern, zum Skifahren oder Seelebaumeln. Einige der umliegenden Berge habe ich bereits bestiegen, doch sind es immer wieder die gleichen Gipfel, die meinen Blick lenken. Hoher Sonnblick. Ankogel. Schareck. So viel habe ich rausgefunden. Da muss es doch irgendeine Verbindung geben. Und schon haben wir das Projekt für den Sommer.

Eine Runde durch die Hohen Tauern. Von Hütte zu Hütte, Bad Gastein quasi einmal umrunden. So der Plan. Nun gibt es hier keine vorgefertigte Tour. Der Tourismusverband Bad Gastein ist etwas träge und empfiehlt mir entspannte Tagestouren im Familien-Naherholungsgebiet. Also müssen wir selbst ran. Eine Tour entsteht.

Erstmal eine Karte

Eine Karte wird Aufschluss bringen. Genauer gesagt sind es zwei Karten, die eine mögliche Strecke rund um Bad Gastein abbilden. Mein Esstisch reicht gerade so aus um sie voll auszubreiten. Hütten und Gipfel werden farbig markiert. Ich brüte stundenlang über den rot markierten Wanderwegen. Beobachte, wo sie gestrichelt werden oder ganz in Punkten abreißen. Ich versuche mich in Einschätzungen, wie lange einzelne Etappen dauern und wo Herausforderungen mit Gletschern und Steigen entstehen. Ist der Gipfel Schneefrei? Brauche ich ein Klettersteigset? Ist der Übergang zur nächsten Hütte in einem Tag machbar?

Der Hüttenwirt wird’s wissen

Die markierten Hütten werden im Internet recherchiert. Heutzutage hat fast jeder eine Webseite. Zugegeben, in unterschiedlicher Qualität. Doch findet man überall Zeitangaben zu Gipfelzielen, Schwierigkeiten und Aufstiegen. Nachdem es auch E-Mail Adressen gibt, werden die Hüttenwirte mit unseren restlichen Fragen bombardiert. Und prompt: freundliche Antworten, Reservierungsbestätigungen und der Hinweis kurzfristig nochmal die Schneeverhältnisse nachzufragen.

Eine Woche hochalpin

In der Zwischenzeit finde ich heraus, dass es den ‘Tauern Höhenweg‘ gibt. Teilweise bewegen wir uns auf der beschriebenen Strecke. Vielleicht hilft das hier und da weiter. Langsam setzt sich alles zusammen. Die Hütten sind reserviert. Die Gipfel-Optionen recherchiert. Zu fast jeder Hütte gibt es für Wetterstürze einen Notabstiegsplan ins Tal. 6 Nächte über 2000 Meter. Dann zwei Tage Wellness in Bad Gastein. Auf meinem Esstisch türmt sich einen Stapel mit ausgedruckten Etappenbeschreibungen, Kontaktadressen und Notizen. Ich habe eine vage Vorstellung davon, wie die Tour aussehen wird. Unsicher bin ich noch bei den drei großen Gipfeln.

Es ist ein ganz neue Erfahrung so tief in die Tourenplanung einzusteigen. Es ist Arbeit. Aber es fühlt sich gut an. Ob wir richtig vorbereitet sind, wird sich zeigen. Vielleicht fassen wir unsere Erlebnisse anschliessend so zusammen, dass jemand anderes Lust bekommt die Tour nachzuwandern.