Sonnwendausflug: alles anders aber gut.

Eigentlich war geplant auf dem 2.467 meter hohen Gamskarkogel eine erste Nacht allein im Zelt zu verbringen. Ein Microabenteuer. Ich mit mir. Aber mit einer Hütte im Hintergrund. Falls ich Angst bekomme. Oder es gewittert. Dazu noch die Sonnwendfeuer und eine fantastische Aussicht. Manchmal schreibt das Leben aber die besten Abenteuer und zwingt einen zu einem unterhaltsamen Ausbruch aus Planung, Vernunft und Gewohnheiten.

Ankommen im Abenteuer

Aufbruch nach Bad Gastein. Dunkle Wolken am Himmel. Starker Wind. Der Aufstieg ist einsam, Ich bin allein. Kein Mensch. Keine Kuh (zum Glück). Keine Gams. Dafür eine liebliche Landschaft, blühende Alpenrosen und weite Blicke über die hohen Tauern. Der Weg führt gute 2,5 Stunden bergauf. Ein kleine Rast am Rauchkogel und schon ist die Hütte in Sicht.

Es fühlt sich heimisch an. Auch wenn ich letzten Herbst erst einmal hier war. Der Gamskarkogel ist ein besonderer Ort. Weit oben und mit Aussicht in alle Richtungen. Eine winzige Hütte, die selbstbewusst auf jeden Komfort verzichtet. Ich werde herzlich in Empfang genommen. Der Wirt ist da, dazu ein Gast und zwei Freunde. Ein erstes Bier. Schnaps dazu. Die Vorbereitungen für den Abend laufen. Es wird Feuer geben, im ganzen Tal. Es sind einige Gäste angemeldet. Aber nur Freunde und Leute von hier. Was genau ich hier mache, weiss ich noch nicht.

Die Gemeinschaft

Nach und nach kommt die Dorfgemeinschaft. Man kennt sich. Freundlich wird auch die Fremde begrüßt. Wird schon einen Grund haben, was die hier macht. Aus München? Aha. Ich beobachte das Geschehen. Ein bisschen muss ich mich konzentrieren, manchmal nachfragen. Der Dialekt ist nicht ganz einfach, aber die Stimmung gelöst und die Menschen echt. Nach einiger Zeit durchschaue ich zumindest manche Verbindungen. Wer mit wem. Wer wo hin. Bruder. Freundin. Bergwacht. Fotograf. Bildhauer. Jäger. Alpenverein. Die Damen. Und ich. Das „Dirndl aus München“.

Gesunde Selbsteinschätzung

Man kümmert sich um mich. „Willst du wirklich zelteln?“ Mein Vorhaben wird diskutiert und allgemein belustigt hinterfragt. Erste Zweifel machen sich breit. Der Wind draußen ist kaum auszuhalten. Kalt fegt er über den Grat. Alle tummeln sich in der warmen Stube und selbst der nahende Sonnenuntergang treibt niemanden freiwillig raus.

Immerhin finde ich bereitwillige Unterstützung für den Zeltaufbau. Natürlich habe ich darauf verzichtet die Anleitung zu lesen. Sollte auch intuitiv gehen. Vor allem bei Windgeschwindigkeiten um die 50km/h. Das Nordisk Telemark Zelt ist mit 880g die Sensation im Gespräch mit der bergerfahrenen Gemeinschaft. Ungläubig wird das 2-Personenzelt untersucht. Solide verarbeitet. Das Material filigran. Der Bildhauer hilft mir. Wie nett. Offensichtlich hat er das schon öfters gemacht. Wir suchen einen geeigneten Platz für das Nachtlager. Nachdem der Wind so sehr über den Kamm bläst, bleibt nur die windgeschützte Wächte. Alle anderen Stellen sind ungeeignet. Steiniger Boden. Zu nah am Feuer. Absturzgefahr.

Das Zelt steht schnell. Das geringe Gewicht bedeutet auch wenig Material. Aber alles findet seinen Platz. Die Apsis hat sogar Raum für einen Rucksack. Und für eine Person ist mehr als genug Platz im Inneren. Zu zweit, naja, da muss man sich eben mögen.

Immerhin steht das Zelt stabil. Der Wind wird es auch nicht wegwehen. Doch kommen mir Zweifel, ob das wirklich die beste Nacht für dieses Abenteuer ist. Es hat vielleicht 5 Grad. Mein Schlafsack ist alt. Und alle raten mir davon ab. Es wird ein Platz in der Hütte angepriesen. Der Wirt meint es gut. Wir werden sehen.

Berg in Flammen

Es wird langsam dunkel und nach dem Essen machen sich drei Burschen auf den Weg die Feuer auszulegen. Bis über den Kamm sollen die kleinen getränkten Ballen Licht spenden und von der Ferne erkennbar sein. Vor der Hütte ist bereits ein riesiger Haufen Holz aufgetürmt, der später das Hauptfeuer bilden soll. Eine schöne Tradition. Hier hat sie System und bringt alle zusammen. Das Engagement für einen tollen Abend beeindruckt mich.

Sobald das erste Feuer auf dem Kamm brennt, wird der große Haufen angezündet. Der Brandmeister hat alles im Griff. Die Gemeinschaft versammelt sich draußen. Der Wind hat noch an Fahrt zugenommen. Funken fliegen, Flammen lodern, die Herren stimmen zu Gasteiner Liedgut an. Kitsch liegt in der Luft. Und ich bin froh um diesen Moment. Kleine Unterhaltungen. Gemeinsames Staunen. Dazu ein Bier. Auf den gegenüberliegenden Bergen sieht man überall das Licht. Teilweise Figuren. Große helle Feuer und Kleine, aufgereiht wie Perlenketten. Die Nacht bekommt Konturen und formt ungesehene Silhouetten.

Abwasch zum Frühstück

Irgendwann wird es kalt. Nach gut zwei Stunden ist der Haufen weitgehend runtergebrannt. Man kümmert sich um ein sicheres Ausglühen bevor nach und nach alle in die Stube verschwinden. Die Stimmung ist aufgeheizt. Die Witze werden derber. Es wird gesungen und gelacht. Der Schnaps tut den Rest. Eine Gitarre wird ausgepackt und ich fühle mich ein bisschen wie im Ferienlager. Das Zelt ist weit weit weg.

Irgendwann ist es eins. Dann zwei. Die Hüttenruhe ist lang überschritten. Inzwischen habe auch ich eingesehen, dass der Weg ins Zelt jetzt zu risikoreich ist. Jaja, man lacht über mich. Nur wo hin? Die Lager sind verteilt und an Schlaf denkt hier sowieso noch keiner. Verschiedene Optionen stehen im Raum. Nein, ich entscheide mich gerne für das Winterlager. Bildhauer und Bergwacht kümmern sich aufopfernd. Irgendwann um vier schaffe ich den Absprung. Die Feierei geht aber weiter. Drei Stunden Rast, bis mich meine verdammte innere Uhr aus dem Schlaf treibt.

In der Stube wird abgespült. Sind die drei Burschen schon auf? Oder noch? Ich weiss es nicht. Etwas verknittert schnappe ich mir das nächste Küchenhandtuch. Herrlich meditativ arbeiten wir uns durch Berge von Geschirr. Das können garnicht alles wir gewesen sein. Der Wirt schläft nebenan. Offensichtlich hat er etwas nachzuholen. Also kümmern wir uns gerne darum, den Rest wieder herzustellen. Die ersten Gäste kommen. Wir kochen Tee. Hab ich da gerade Bier gesehen? Wir sitzen noch eine ganze Weile in der Stube bis alle wieder aus ihren Lagern klettern. Ich widerstehe dem Drang als erstes Aufzubrechen. Es ist schön für diesen Moment hier zu sein.

Bilanz eines Abenteuers

Was ist mit meinem Abenteuer passiert? Ich habe nicht im Zelt geschlafen. Kein Sonnenaufgang mit Outdoor-Romantik. Dafür aber ein Haufen guter Leute. Ein warmes Bett. Und viele lustige Momente, an die ich mich gerne erinnern werde. Manchmal muss man das Abenteuer eben so nehmen, wie es kommt. Den Plan übern Haufen werfen, die Routine durchbrechen. Immerhin weiss ich jetzt, wie man das Zelt aufbaut. Dem nächsten Abenteuer steht also nichts mehr im Weg.