Kein Spaziergang – Skitourengehen für Anfänger

So manchmal fragt man sich: Warum macht man das eigentlich? Warum nicht einfach mal bei einer Sportart bleiben und darin richtig gut werden? Und nicht schon wieder Anfänger sein. Da sind zum Einem die spannenden Erlebnisberichte und tollen Fotos des Freundeskreises, die inspirierende Dokumentation im TV oder das nächste Urlaubsziel, welche das Erlernen einer neuen Sportdisziplin erfordert. Bei uns war es wohl eine Kombination aus allen drei Dingen. Hochmotiviert ging es also in tiefverschneite Hänge auf Skitour. Doch eins merken wir recht schnell: Das wird kein Spaziergang.

Mit den besten Absichten

Die Idee des Skitourengehens entspricht genau unseren Vorstellungen: Lieber selbst auf den Berg gehen, kein Anstehen in der Menschenschlange, Natur pur. Doch dieser Sport bringt auch neue Themen auf den Plan: Lawinengefahr, Tourenplanung im Winter, Aufstieg- und Abfahrt-Technik, die richtige Ausrüstung. Und so haben wir uns erstmal für einen Einsteiger Kurs beim Deutschen Alpenverein angemeldet. In rund fünf Tagen erlernt man alles zu obigen Themen um, so aufgeschlaut, selbständig Touren gehen zu können. Jedoch: zu wenig Schnee im Allgäu zwingt die Organisatoren zur kurzfristigen Kursabsage. Es gibt keinen Ersatztermin. Die restlichen DAV Kurse sind bereits seit Wochen ausgebucht. Und nun?

Der Plan B

Wir suchen Schnee und werden nach einiger Recherche fündig: das Dachstein Gebiet erfreut sich bereits an allerhand Pulverschnee. Und so organisieren wir uns einen Skitouren Privatkurs bei der heimischen Skischule und treffen bereits drei Tage später auf unseren Ski- und Bergführer Chris. Erster gemeinsamer Tagespunkt ist der Ausrüstungscheck: Skier, Felle, Helm, (Ersatz-) Handschuhe, Lawinenschaufel, -Sonde, LVS – alles da und einsatzbereit? Ähm nein. Erschrocken stelle ich fest, dass die Batterien meines Pieps leer sind. Hatten wir sogar noch pflichtbewusst ein paar Tage vorab das LVS getestet, ist es jetzt mucksmäuschenstill. Wir hatten vergessen es auszuschalten. In diesem Fall nicht tragisch, die Skischule kann schnell mit neuen Batterien aushelfen, im „wahren Leben“ jedoch ein Grund die Skitour nicht antreten zu können. „Wird dir nie wieder passieren!“, muntert Chris lächelnd auf.

Kenne deine Ausrüstung

Nächster Programmpunkt: wir machen unsere Tourenskier „aufstiegsbereit“. Wer nun bereits sein Material kennt, ist klar im Vorteil. Leider hatte ich mich vorab nicht weiter mit der neuen Ausrüstung auseinandergesetzt. Das lerne ich ja dann im Kurs. Und so bastle ich bei Minus 20 Grad mit nackten Händen unbeholfen an meiner minimalistischen Dynafit Bindung, drehe nach rechts, links und oben und versuche irgendwie meine Tourenskischuhe zu fixieren. Die Felle kleben an allem, nur nicht am Ski, und ich bin froh nach einer gefühlten Ewigkeit, meine eingefrorenen Hände wieder in die molligen Fäustlinge stecken zu dürfen.

Die Spitzkehre: Bitte einmal entknoten

Es geht bergauf. Skilehrer Chris gleitet mühelos voran. Wir schlurfen im Gänsemarsch den flachen Hang hinterher. Es geht unkompliziert hier und da um die Kurve – man gewöhnt sich schnell an die Bewegung. Also wagen wir uns gleich an die erste technische Herausforderung: die Spitzkehre. Mit dieser kann in steilem Gelände gewendet werden, um so in Serpentinen aufsteigen zu können. Unser Skilehrer Chris setzt den Bergski im 90-Grad-Winkel nach links, kickt mit dem anderen Fuß nach hinten aus und zieht den Ski elegant daneben. Unsere Versuche resultieren dagegen erstmal in verdrehten Skiern ohne Hoffnung auf Auflösung. Abhilfe schafft allein die Schritt für Schritt „Entknotungs-Anleitung“ unseres Skilehrers. Innerlich hoffe ich darauf, dass diese Technik nicht allzu oft bei Skitouren zum Einsatz kommt. Das dem nicht so ist, werde ich bald herausfinden.

Hilfe Tiefschnee

Unser Skilehrer sagt Sachen wie „Ihr müsst neutral auf dem Ski stehen“ oder „Lass laufen.“, „Falllinie!“, „Geschwindigkeit gibt Sicherheit“. Dazu macht er ein aufmunterndes Gesicht, bevor er leicht und wendig den tiefverschneiten Hang herabwedelt. Wir merken schnell: das ist keine präparierte Piste und viele verschiedene Schneeverhältnisse treffen sich auf einem Hang. Ich fahre zaghaft von einem Ende des Hangs zum gegenüberliegenden. Begleitet von „Huchs“ und „Wuahhs“ versuche ich meine Rückenlage, Geschwindigkeit, Skier und Kopfkino in den Griff zu bekommen. An diesem Tag lerne ich vornehmlich die verschiedenen Sturz- und wieder aus Tiefschnee Herausgrab-Techniken. Wenigstens fällt man sanft. Ob es denn nicht eine gute Methode gäbe, unkompliziert nach dem Tiefschneesturz wieder aufzustehen? Darauf Chris: „Du bist reingekommen, also kommst auch wieder raus.“

Ein Risikosport

Wir üben zu guter Letzt die Verschüttetensuche. Bei mittlerweile arktischen Temperaturverhältnissen tapsen wir gebückt herum, das piepsende LVS-Gerät dicht über dem Schnee und versuchen das von Chris vergrabene Gerät zu finden. Im Ernstfall muss ein Verschütteter innerhalb von 15 Minuten gefunden werden. Ein sehr kleines Zeitfenster, dem man sich nur durch Üben des Ernstfalls annähern kann. Trotz moderner Technik, Skitourengehen bleibt ein Risikosport. Wir verabschieden Chris an dieser Stelle und suchen erstmal die nächste Hütte auf, um bei einer heißen Schokolade wieder aufzutauen.

Der Anfang ist getan

… und die ersten richtigen Skitouren stehen an. Wie es uns dabei ergangen ist und warum Fluchen am Berg und Aufgeben keine Option sind, lest ihr im nächsten Artikel.