Saisonstart am Königssee

An Weihnachten waren wir noch schneefrei auf dem Blomberg, im Januar war alles weiß, im Februar war alles schon wieder weg. Der warme März versprach eine frühe Saison – und dann? Der unerwartete Wintereinbruch Ende April hat so manchem Wanderer einen Strich durch die Rechnung gemacht. Ein ewiges hin und her – aber nun endlich machen die ersten Hütten wieder auf. Wir starten die Saison mit einem Ausflug zum Kärlingerhaus.

Der frühe Vogel … erwischt das erste Boot

Meisten planen wir Tagestouren bei Garmisch oder Richtung Tegernseer/Spitzingsee. Man hat nur eine Stunde Anfahrt und alles ist nett und kompakt. Die meisten Touren kennt man schon, aber das ist auch wunderbar für einen Lazy Sunday. Irgendwann aber sehnt man sich nach was Neuem und sobald zwei Tage Zeit sind, lohnt es sich ein bisschen weiter zu fahren. Ein neues Gebirge, andere Hütten, unbekanntes Terrain.

Diesmal wollen wir Richtung Berchtesgaden. Ich war noch nie am Königssee und habe wohl romantische Vorstellungen von morgendlichen Bootsfahrten über mystisches Wasser im Nebel. Wir machen uns früh auf den Weg. Wirklich früh, denn wir erwischen das erste Boot über den See nach St. Bartholomä. Zwar ohne Nebel, ziemlich hell ausgeleuchtet und umringt von internationalen Touristen, aber doch stimmungsvoll tuckern wir über den Königssee. Ich bin ein bisschen aufgeregt und freue mich über das Posaunenspiel am Echofelsen genauso wie über die einstudierten Witze des Kapitäns.

Saugasse und Seenland

Die Hütte ist mit 5 Stunden Aufstieg beschrieben und führt uns weit weg von allen touristischen Ballungspunkten. Und ja, wir können gut verstehen, dass hier alle hin wollen. Es ist herrlich. Die Luft ist noch kühl, und die Aussicht ist phantastisch. Die Berge scheinen unberührt und friedlich. Zuerst ein Stück am See entlang, dann ein sportlicher Anstieg in Serpentinen das Seeufer hoch. Der Weg führt uns tief hinter in ein Seitental, um dann in die berühmte Saugasse zu münden. Links und rechts von hohen Feldwänden umgeben, unten rauscht ein Bach, und wir Schrauben uns in mühsamem Zickzack durch die steile Rinne.

Oben angekommen treffen wir auf eine zauberhafte Landschaft. Auf einer Art Hochebene wandern wir in natürlichem Geschlängel vorbei an großem Blockwerk und knorrigen Latschen. In ständigem auf und ab, stets umschwierig aber immer unterhaltsam. Immer wieder wird der Blick frei auf den Watzmann, den Königssee, wir sehen Gämsen, Eidechsen, und überall pummelige Murmeltiere.

Die ganze Tour führt an insgesamt vier Seen vorbei. Königssee, Funtensee, Grünsee, Schwarzensee. Einer schöner als der andere, und doch ganz unterschiedlich. Der eine grün, der andere schwarz, klar oder moorig, kalt und doch verlockend. Man könnte Baden oder Biwakieren, vielleicht sogar Fischen. Und doch begeben wir kaum einem Menschen.

Hütte international

Als wir schon denken uns verlaufen zu haben, steht plötzlich die Hütte vor uns. Das Kärlingerhaus. Ein großer Steinbau mit roten Fensterläden. Die Terrasse ist südseitig auf den Funtensee ausgerichtet, umringt von hohen, schneebedeckten Gipfeln. Sommerliche Temperaturen und ein erstes Bier verleiten uns an der Hauswand kleben zu bleiben.

Was auffällt, ist ein internationales Publikum. Mehrere Gruppen von europäischen Wanderern sind unterwegs. Junge Leute aus Holland, Schweden, Frankreich und einer Sprache die wir nicht zuordnen konnten. Man spricht also englisch. Und gleich fühlt es sich an, als wären auch wir auf Fernreise.

Nur für Geübte

Das Schöne an Hüttenübernachtungen ist, dass man so herrlich früh am Berg ist. Vor acht noch schnüren wir unsere Schuhe und machen uns auf den Weg. Dieser führt uns erst weite Strecken auf der Höhe an Seen und Aussichtspunkten vorbei. Wir müssen noch einige Altschneefelder kreuzen und kämpfen uns drei Stunden bis vor zur Wasseralm.

Von hier geht es in weiteren drei Stunden ins Tal, über den Röthsteig. Nur für Geübte, steht da. Aber wahrscheinlich ist das nur zur Abschreckung von unerfahrenen Touristen gedacht. Meinen wir. Wer den Königssee mit Obersee kennt, hat sicherlich auch den Wasserfall an der steilen Wand im Talschluss schon gesehen. Der Steig führt uns in unerbitterlichem Zickzack diese Felswand nach unten. Steile Stufen, aus Stein, Metall oder Holz, mal mit Drahtseil, dann wieder ohne. Ständiges Absturzgelände. Wir kreuzen Wasserläufe, klettern über den letzten Felsrutsch. Mein Sichtfeld begrenzt sich auf einen Meter um meine Füße. Höchste Konzentrationsstufe. Leider verpasse ich damit den fantastischen Blick auf das Tal 500 Meter weiter unten. 40 Minuten und ich fühle mich um Jahre gealtert. Unten spuckt einen der Fels unvermittelt wieder aus und man steht umringt von Turnschuhtouristen.

Schinkenstraße und Tourihölle

Der Königssee ist wunderschön, doch machen die Touristen einem jedes Idyll kaputt. Es sind einfach zu viele. Dabei sind wir an einem Montag unterwegs. Jedes Klischee wird hier erfüllt. Übergewichtige Amerikaner, rücksichtslose Chinesen, kleinkarierte Deutsche. So schön die Landschaft ist, wir wollen nur weg. Wir kämpfen uns an der Karawane am Obersee vorbei, überholen, umgehen, warten geduldig. Die Schlange ist lang und das Boot ist überfüllt. Die Krönung erwartet einen dann bei der Landung in Schönau. Während wir bei der Hinfahrt noch die morgendliche Leere genossen haben, stauen sich hier die Touristen wie in der Schinkenstrasse. Umringt von billigen, geschmacklosen Souvenir Shops wird einem die hässlichste Seite bayerischer “Kultur” angepriesen. Schade eigentlich, für einen landschaftlich so wunderbaren Ort.

Die Tour können wir trotzdem jedem ans Herz legen. Sobald man den See verlässt erwarten einen berauschende Kulissen und ehrliche Einsamkeit. Abwechslungsreich, fordernd, meditativ.