REEL ROCK FILM TOUR: Schwitzige Hände mit Phantasien von AUSstieg und AUFstieg

Ich bin völlig verstört. Ich möchte sofort Aussteigen. Auswandern. In die wilde Natur. Alles hinter mir lassen. Ordentlich Klettern lernen. Draussen sein. Und mit Gleichgesinnten eine inspirierende, ja sogar epische Zeit verbringen. Ganz nach John Muir: „The Mountains are calling, and I must go” … Selten hat mich ein Film in diese Stimmung versetzt. Gestern war ich zu Gast bei der REEL ROCK Film Tour im Amerika Haus in München. Nun frage mich ernsthaft, wo meine ‚epische‘ Zeit geblieben ist.

MEHR ALS NUR EIN KLETTERFILM

Neben dem E.O.F.T. und dem Banff Mountains Filmfestival, gehört die REEL ROCK Film Tour jedes Jahr zu den Highlights der Outdoor Film Industrie. In ausgewählten Städten in Deutschland, Österreich und den Niederlanden tourt die diesjährige REEL ROCK Filmtour über zwei Monate unter dem Titel ‚VALLEY UPRISING‘. Anders als in den letzten Jahren werden nicht nur die Weltbesten Kletterfilme gezeigt. Nein, es ist ein wahrer Kletterepos, erzählt in drei Akten.

GÜNDERVÄTER BERICHTEN

Die Gründer der REEL ROCK Film Tour, Peter Mortimer und Josh Lowell, haben sich tief in die Historie des Yosemite Valley gegraben und bringen mit VALLEY UPRISING einen Film auf Tour, der Geschichtsstunde und Kletterhymne in einem ist. Koryphäen des Klettersports wie Yvon Chouinard, Royal Robbins, Lynn Hillund Alex Honnold erzählen die Geschichte eines magischen Ortes, der für Generationen von Kletterern zum Sinnbild von Paradies, Krux und vertikaler Bühne wurde. Von den Pionieren der Beat-Generation, über die Eskapaden der wilden 70er bis zur Kletterelite der Gegenwart.

BILDGEWALTIG UND HUMORISTISCH

Trotz des überwiegend historischen Foto- und Filmmaterials ist der Film visuell sehr vielfältig und überraschend humoristisch. Aufwendige Bildanimationen lassen die Protagonisten in Originalschauplätzen zum Leben erwachen. Liebevoll werden Anekdoten erzählt, Charaktere präsentiert und Techniken beleuchtet. Stets mit einer Leichtigkeit und der nötigen Portion Ironie. Es fehlt auch nicht an waghalsigen Unternehmungen, kühnen Projekten und riskanten Zügen, durchgehend umringt von beeindruckender Landschaft – Schwitzige Hände und stockender Atem inklusive. 

(Rsmall_Royal-Robbins-on-El-Capitan's-North-American-Wall-1964-ph-Glen-Dennyoyal Robbins on El Capitan’s North American Wall 1964 © Glen Denny)

1. Akt: THE GOLDEN AGE

Als in den fünfziger und sechziger Jahren Touristen ins Yosemite Valley kamen, machten sie große Augen und viele Fotos, kauften T-Shirts und verschwanden nach spätestens ein paar Tagen wieder. Wer länger blieb, war definitiv kein Wochenendflüchtling. Wer länger blieb, war nicht normal. Im goldenen Zeitalter entdeckten die ersten Aussteiger das Yosemite Valley für sich und gründeten das berühmte Camp 4. Das Yosemite Valley war das Tal der unbegrenzten Möglichkeiten. Besonders eindrucksvoll beschrieben wird die Rivalität zwischen dem puristischen Royal Robins und dem ewig betrunkenen Warren Harding.

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(Lynn Hill on Half Dome, © Charlie Row, 1977)

2. Akt: THE STONE MASTERS

In den siebziger Jahren war der Yosemite National Park noch immer ein Ort für Aussteiger. Und dank gewisser chemischer Substanzen, sorgte nicht nur das Klettern für Höhenflüge. Gerade deshalb waren die Stonemasters (oder eher „stoned masters“?) bei den Parkaufsehern nicht gerade beliebt. Sie eröffneten trotzdem zahlreiche neue Routen, entdeckten den Reiz des Free-Solo-Kletterns und sorgten dafür, dass das Klettern international als ernsthafter Sport wahrgenommen wurde. Hier ist Lynn Hill besonders zu erwähnen. Frauen Power zwischen all dem Testosteron Überschuss – sie kletterte als erster Mensch (nicht als erste Frau!) die berühmte Route ‚The Nose‘ am El Capitan frei.

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 (Alex Honnold free solo on Sentinel 2011, © Pete Mortimer)

3. Akt: THE STONE MONKEYS

Mitte der neunziger Jahre zählte der Yosemite National Park vier Millionen Besucher pro Jahr. Dieser Ansturm hatte drastische Folgen: die Sieben-Tage-Regelung. Von jetzt an durfte sich niemand länger als eine Woche im Yosemite Valley aufhalten. Eine Formalität, die zu einem erheblichen Problem für die nächste Klettergeneration wurde. Doch wer sich, wie die „Stone Monkeys“ an Free Solos vertikaler Wände wagt, den kann auch die US-amerikanische Bürokratie nicht stoppen. Inzwischen wurde das Potential erkannt, Free Soloing mit BASE Jumping zu kombinieren. Mit dieser letzten Lebensversicherung aber machen sich Dean Potter & Co. im Yosemite National Park strafbar und laufen Gefahr beim Landen von aggressiven Rangern eingefangen zu werden.

Weitere Infos zum Film, Trailer und Tickets gibts hier:

(Barb)