Prosecco, grün und flach.

Wir verlassen Belluno mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Wir haben Wäsche gewaschen, eingekauft, sind frisch geduscht, erholt und die Sonne scheint. Die wirklich ernsthaften Bergetappen liegen nun hinter uns. La Dolce Vita wartet in der Piave Ebene auf uns. Doch soll es das schon gewesen sein? Die Abkehr vom Gebirge bedeutet auch gleichzeitig eine baldige Ankunft in Venedig.

HAUSBERG UND GAMMELLAGER

Der Nevegal ist vor Belluno der erste große Wall, bevor sich mächtig die Dolomiten erheben. Die Italiener nutzen ihn als Naherholungsgebiet, im Winter zum Skifahren und im Sommer als Wander- und Ausflugsberg. Wir müssen ihn einmal überqueren um auf der Rückseite endgültig in die Piave-Ebene hinabzusteigen. Obwohl der Berg nicht annähernd an die Höhe der letzten Etappen heranreicht, umfasst der Aufstieg nochmals stolze 1600 Höhenmeter. Von weitem sieht man skurril das Refugio Vicentin auf dem Gipfel thronen. Wir denken permanent an Spionage-Anlagen und Alien-Abwehr – seltsam verbaut mit Antennen, Masten, Sendern und Schüsseln rätseln wir bis heute, welche Bedeutung der harmlose Berg für internationale Beziehungen haben mag.

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Die letzten Wochen haben uns abgehärtet. Dachten wir. Schnarcher, Schimmel, Müffel, Dreck. Alles kein Problem. Was uns hier aber erwartet, lässt uns einen spontanen Kriegsrat einberufen. Das 20er Lager befindet sich im Keller. Natürlich ohne Fenster. Dafür aber mit permanentem Öl-, Gas- und Schimmelgeruch im Raum. An den Wänden und der Decke verlaufen über Putz allerlei wackelige Leitungen und Rohre, Kissen und Decken sind offensichtlich schmutzig, schön angeleuchtet von einer flackernde Halogenlampe.

ROMANTIKHOTEL IM PROSECCOPARADIES

Am nächsten Morgen sind wir dankbar, aufstehen zu dürfen. Ein letzter Blick auf die gegenüberliegenden Dolomiten wird uns leider durch eine dichte Wolkenwand verwehrt. Beim langen Abstieg nach Revine wird es aber zunehmend wärmer und lieblicher. Proseccoreben säumen den Weg, vorbei an Bächen, kleinen Ansiedlungen durch leichte Hügel bis nach Tarzo. Hier empfängt uns herrschaftlich von großen Pinien umgeben eine alte Villa, ganz im venezianischen Stil. Das ‘Ai Pini’ ist uns besonders nach der letzten Nacht ein Kleinod des Friedens und der Ruhe – oder besser gesagt: des Komforts und der Sauberkeit. Wir belohnen uns mit Prosecco, gutem Essen, und einer langen langen heißen Dusche.

DIE NULL-LINIE

In Wanderbüchern werden Etappen gerne durch ein Höhenprofil dargestellt. Auf einen Blick erkennt man wie viel, wie steil und wie lange man zu wandern hat. Das Höhenprofil der nächsten Etappen in der Piave-Ebene gleicht einer Null-Linie. Das Herz hat aufgehört zu schlagen. Man hört nur noch ein monotones Pfeifen. Der Wanderer leidet. Wir leiden. Der Asphalt strengt die Füße an, die Aussicht ist lediglich ein grüner Streifen am Horizont unterbrochen von verwaisten Fabriken und einsamen Höfen. Nur das aggressive Bellen der dörflichen Wachhunde reißt uns aus einem schwül-warmen Piave-Delirium. Wir verstehen nun sehr gut, warum viele München-Venedig Wanderer die Tour in Belluno beenden oder mit dem Zug weiter ans Ziel fahren. Vor lauter Frust beschließen auch wir, den nächsten Tag mit dem Bus abzukürzen. 

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