Packliste West Highland Way: Ansprüche versus Anforderungen

Wir waren nun schon oft unterwegs. Weitwandern. Hüttentouren. Trekking in der Pampa. Das Packen ist zu einem lieb gewonnenen Ritual geworden, weiß man doch inzwischen genau, was es wofür braucht. Wir haben gelernt zu reduzieren, aufs Gewicht zu schauen und nicht eitel zu sein. Nach ein paar Tagen darf man stinken und eigentlich ist es ein bisschen egal wie man aussieht. Hauptsache trocken, warm und bequem.

Mit meiner Reise nach Schottland stehe ich nun aber vor ganz anderen Herausforderungen. Für mich neu ist die Kombination aus Weitwandern und Reisen. Outdoor UND Urban. Ohne Gepäcktransport. Ohne Mietwagen. Ohne Basislager. Jede Nacht in einer anderen Unterkunft. Immer zu Fuss. Immer alles dabei für doch ganz unterschiedliche Ansprüche.

Form follows function

Trocken und warm. Eigentlich reicht das. Das Aussehen der Ausrüstung muss sich in erster Linie nach dem Einsatzzweck richten. Die Funktion bestimmt die From. So wurde dieser Designleitsatz bereits im Bauhaus proklamiert. „Verzicht auf jegliches Ornament“ sollte also auch unser Credo sein? Ja, es geht ums Bergsteigen. Nicht um den Laufsteg, nicht um Eitelkeiten oder ablenkende Konzentration auf Oberflächlichkeiten. Das Zeug muss funktionieren. Es muss mich gegen widriges Wetter schützen, die Bewegung optimal unterstützen und mich halbwegs komfortabel durch den Tag bringen.

Outdoor in der Stadt

Aber zwingt uns das völlig blind und geschmacklos unterwegs zu sein? Kann man nicht bei der Zusammenstellung der Ausrüstung, vor allem der Outdoorkleidung, ein bisschen Achtsamkeit und Ästetik walten lassen? Schließlich geht es hier nicht um einen Überlebenskampf oder eine asketischen Pilgerreise. Es ist meine Freizeit, mein Urlaub, mein Wochenende. Und immer noch habe ich mich selbst dabei. Ich bin weiterhin Designer, weiterhin Frau – und kann somit das Bedürfnis nach ein bisschen Form nicht komplett abschalten. Ich spreche hier nicht von Glitzersteinen oder dekorativen Accessoires. Vielmehr ist es der bewusste Umgang mit den Dingen. Eine Wahrnehmung, die nicht beim Verlassen der Stadt an den Nagel gehängt wird.

Besonders wenn es nicht um reinen Outdoorurlaub geht, ist Feingefühl gefragt. Tagsüber wandern. Abends in den Pub. Zehn Tage in den Bergen, dann drei Tage Kultur. Dabei geht es nicht darum besonders gut auszusehen, sondern darum sich harmonisch in die Umgebung einzupassen. Nicht negativ auffallen. Nicht mit ProShell im Museum, nicht mit dreckiger Outdoorhose in der Destille. Aber genauso mit Jeans am Berg oder Seidenblüschen in der Hütte.

Gewicht versus Komfort

Kein Gepäcktransport. Kein Basislager. Das bedeutet: alles immer selbst tragen. Den ganzen Tag lang. Ich bin in der glücklichen Lage in B&Bs oder Hostels zu schlafen was mir immerhin Zelt, Schlafsack und Kocher erspart. Doch sind es immer noch einige Dinge, die es für 2 Wochen braucht. Wobei der Unterschied zwischen 2 Wochen und 3 Tagen sehr gering ist. Die Basics wie Kartenmaterial, Biwaksack, Regenhose oder Kamera sind immer mit dabei und stehen fast ausser Frage. Dazu kommt Kleidung, Waschzeug und Hüttenschuhe. Und genau hier beginnt es interessant zu werden.

Wieviele Unterhosen braucht es für zwei Wochen? Wie groß muss mein Handtuch sein? Brauchen meine Haare einen Conditioner? Wie schwer darf eine Isolationsjacke sein?

Wenn man bei jedem einzelnen Teil die Gretchenfrage stellt kann man schnell wertvolle Gramm (oder sogar Kilo!) einsparen. Nun steht das aber wieder im Gegensatz zum Komfort. Hier muss also jeder für sich entscheiden. Bin ich zum Beispiel empfindlich auf kaltes Wasser beim Duschen – empfehle ich ein größeres, flauschigeres Outdoor-Handtuch. Hab ich hingegen unkomplizierte Haare – reicht ein einfaches Shampoo für Kopf und Körper. Habe ich 3 verschiedene Jacken mit ähnlicher Funktion – lege ich die mal auf die Waage und nehme die leichteste mit.

Hand aufs Herz

Jetzt mal ehrlich. Eigentlich geht es ja nur darum draussen so viel Spaß wie möglich zu haben. Wir wollen nicht frieren, nicht schwitzen, uns wohl fühlen und nicht zu viel schleppen. Wenn man das mal auf eine Matrix überträgt erkennt man ein System. Zwischen Design und Funktion genauso wie zwischen Komfort und Gewicht. Diese vier Komponenten im Wechselspiel beeinflussen die Wahl unserer Ausrüstung. Je nach Tour wechselt die Gewichtung. Manchmal ist das Gewicht die oberste Prämisse. Dann wieder die Funktion. Nur ist es gut sich vorher ein paar Gedanken zu machen um nicht genau die falschen Lieblingsstücke dabei zu haben.

 

Die Herausforderung ist es diesmal so zu packen, dass möglichst alles mit allem geht, für draussen geeignet ist aber in der Stadt nicht so blöd aussieht. Zusätzlich spielt das Gewicht eine entscheidende Rolle und jedes einzelne Teil muss sowohl mit Grammzahl als auch mit Sinnhaftigkeit überzeugen. Es geht um das richtige Maß. Und das Jonglieren der Ansprüche.

Mittel und Wege

Einige Marken haben bereits begriffen, dass wir nicht wie Outdoor-Affen aussehen wollen. Die Schnitte werden urbaner, die Farben gedeckter. Houdini beispielsweise entwickelt die gesamte Kollektion so, dass alles zusammen passt. Mit dem Ziel weniger zu haben und damit mehr machen zu können, sind die Teile absolut tragbar und sehr flexibel im Einsatzgebiet.

Auf meiner Tour habe ich eine Hose von Houdini dabei. Die Motion Light Pants ist luftig, windresistent und extrem atmungsaktiv, bei gerade mal 190g. Das Designkonzept orientiert sich dabei an den natürlichen Bewegungen und nennt sich „Made to Move“. Für die Funktion bedeutet das absolute Beinfreiheit, für die Optik heißt das ein moderner Schnitt, der eher zu einem urbanen Hipster passt. Perfekt also für den Pub am Abend und die Kulturtage in Edinburgh. Und wenn die Wanderhose wirklich mal vor Schlamm steht, kann man die Motion Light Pants auch super am Berg anziehen.

Lieber wenig, dafür gut

Bei der Zusammenstellung der restlichen Ausrüstung geht es um die richtige Einstellung. Ich entscheide mich bewusst für sehr leichtes Gepäck. Ein hartes Regiment bei der Auswahl! Die vielen Kilometer gehen sich einfach entspannter, wenn der Rucksack keine 15 kg wiegt. Dafür achte ich bei der Auswahl darauf, dass jedes Teil wirklich seine Berechtigung hat. Keine unnötigen Dopplungen. Kleine Packungen. Das bedeutet wiederum nicht, dass ich was wichtiges weg lasse. Sondern nur, dass kein unnötiger Plunder dabei ist.

5 Unterhosen. 2 BHs. 2 Paar Socken. 4 Merinos. 2 Hosen. 1 Fleece. 1 Isolationsjacke. 1 Hardshell. 1 Regenhose. Wanderschuhe. Sneaker. 1 kleines Outdoor-Handtuch. Waschzeug (Zahnbürste, Mini-Zahnpasta, Mini-Gesichtscreme, Mini-Shampoo, kleiner Kamm, 2 Haargummis, REI in der Tube, Sonnencreme), Erste-Hilfe-Set, Mini-Biwaksack, Mini-Regenschirm, Hüttenschlafsack, Stirnlampe, Handy, Kamera, Buff, Handschuhe, Sonnenbrille.

So. Und jetzt geht’s los. Mal sehen ob das Konzept aufgeht.