Nachhaltig lieber draußen

Atmungsaktives Oberteil zum Joggen, bequeme Leggings fürs Yoga und wasserdichte Jacke fürs Bergsteigen. Ganz klar, unsere Lieblingsstücke sollen funktional sein. Doch auch Aspekte wie Umweltfreundlichkeit, soziale Fairness und Recycling spielen für uns im Zuge einer nachhaltigen Lebensweise bei der Auswahl unserer Outdoor Produkte eine immer größere Rolle. Beschäftigt man sich tiefer gehender mit dem Thema der nachhaltigen Outdoor Bekleidung, desto dehnbarer erscheint einem der Begriff. Unterschiedlichste Siegel, -Zertifikate, – Symbole und -Standards der Textilindustrie baumeln an unseren Lieblingsstücken. Es ist nicht einfach, hier den Überblick zu behalten. Doch auch zukünftige Generationen sollen die Schönheit der Berge genießen. Es lohnt sich demnach, sich mit dem Thema auseinander zu setzen.

Die Idee der Nachhaltigkeit

Nachhaltigkeit hört sich zunächst nach einem sehr einfachen Wort an, jedoch versteckt sich dahinter mehr als nur eine Bedeutung. In der deutschen Sprache taucht der Begriff in seiner heutigen Bedeutung bereits 1713 in der Forstwirtschaft auf: es darf nie mehr Holz gefällt werden, als nachwachsen kann. Heutzutage ist mit nachhaltiger Entwicklung vornehmlich der schonende Umgang mit unseren natürlichen Ressourcen und soziale Gerechtigkeit gemeint. Nachhaltige Produkte haben den Anspruch einen möglichst geringen ökologischen Fußabdruck zu hinterlassen. Ihre Ökobilanz – von den Rohstoffen über Fertigung, Auslieferung, Gebrauch bis Lebenszyklusende – ist sozusagen positiv. Das bedeutet: Nachhaltige Produkte sollten sowohl eine hohe Lebensdauer aufweisen wie auch bei Herstellung und Entsorgung die Umwelt möglichst wenig belasten. Marken und Hersteller können dazu beitragen indem sie Outdoor Bekleidung so entwerfen, dass sie langlebig, leicht zu reparieren und gut zu recyclen sind. Auch die richtige Pflege im Sinne einer langen Haltbarkeit spielen dabei eine wichtige Rolle. Und wenn das Lieblingsstück doch einmal ausgedient hat, sollte sich optimalerweise der Hersteller um die Wiederverwendung und / oder fachgerechte Entsorgung kümmern.

Einmal Transparenz bitte: Nachhaltigkeitssiegel & Co

Anhand von Gütesiegeln und Auszeichnungen werden Marken und Produkte hinsichtlich Ihrer Nachhaltigkeitsleistung bewertet und gekennzeichnet. Sie sollen Orientierung geben und werden nur an Unternehmen vergeben, die aktiv daran arbeiten ihre Produkte fairer und umweltfreundlicher zu gestalten. Man kann nicht sagen, dass es das eine Siegel gibt, auf welches man achten sollte. Jedes deckt für sich ganz bestimmte Aspekte der Nachhaltigkeit ab und sollen dem Kunden signalisieren, dass dieser Teilbereich im Produkt positiv erfüllt wird. Damit kann jeder selbst entscheiden, was ihm wichtig ist.

Zugegeben, die Übersicht zu behalten ist nicht einfach. Es gibt Siegel, die „offiziell“ bestätigt sind und von irgendwelchen Kommissionen, Parlamenten etc. verabschiedet wurden. Gleichzeitig aber sind die Marken selbst aktiv. Auf der ISPO konnten wir viele spannende Herangehensweisen entdecken. Ob Kapok als nachwachsendes Isolationsmaterial (Tatonka), Kaffeesatz zur Geruchshemmung (Schöffel) oder kompostierbare Outdoor Bekleidung (Houdini).

Im Bereich Ökologie ist wohl das relevanteste Siegel in der Outdoor-Branche Bluesign. Dieses bezieht sich auf Stoffe und Chemikalien, die im Produktionsprozess eingesetzt werden. Bluesign garantiert, dass das Produkt für den Kunden sicher und der gesamte Produktionsprozess möglichst umweltschonend ist. Houdini, prAna oder auch super.natural sind beispielsweise zertifiziert. Darüber hinaus gibt es den Global Organic Textile Standard, kurz GOTS, welcher für strenge ökologische Kriterien entlang der gesamten Produktionskette steht. Dieser ist jedoch im Outdoor Textilbereich noch wenig verbreitet. Weiterhin nennenswert sind noch einzelne Auszeichnungen, bei denen explizit auf die verwendeten Materialien geschaut wird, wie beispielsweise Bio-Baumwolle oder PFC-frei. Diese sind zum Teil jedoch keine offiziellen Siegel, sondern kommen von den Outdoor Marken selbst.

Wem nicht nur ökologische Aspekte sondern auch gute soziale Standards und Arbeitsbedingungen am Herzen liegen, der sollte nach folgenden Labeln Ausschau halten: den bereits erwähnten GOTS und die Fair Wear Foundation (FWF), welche sich für eine Verbesserung der sozialen Bedingungen in der Textilindustrie und existenzsichernde Löhne einsetzen. Mitglied sind hier beispielsweise Mammut oder Schöffel. Daneben gibt es noch Fairtrade-Bekleidung, welche vornehmlich aus der USA kommt. Marken wie Patagonia oder prAna haben sich diesem Standard verschrieben.

Abschließend der Aspekt „Tierwohl“. Insbesondere in der Outdoor-Branche ist die Herkunft von Daunen ein großes Thema. Für das leichte und wärmende Isolationsmaterial gibt es drei gängige Siegel: den Responsible Down Standard (RDS), welcher für Hersteller von Daunenprodukten seit 2014 verbindliche Mindeststandards bei der Gewinnung von fairen Daunen vorschreibt. Diesen Standard findest man beispielsweise bei den Marken Haglöfs und Bergans. Das zweite Siegel im Bunde ist der Down Codex der britischen Outdoor Marke Mountain Equipment. Dessen Hauptaugenmerk ist die artgerechte Haltung der Tiere. Und zu guter Letzt den Global Traceable Down Standard (GTS) von Patagonia, welcher die bisher strengste Zertifizierung für nachhaltig gewonnene Daune darstellt.
Hier gäbe es aber noch folgende Option: Die glücklichste Daune ist natürlich die, die noch an der Gans ist. Inzwischen gibt es für besagte Federn gleichwertige Kunstfaserprodukte, wie z.B Polartec.

Wie kann man selber im Sinne der Nachhaltigkeit agieren?

Zurück zur Einfachheit
Insbesondere im Outdoor Textilbereich bedeutet ein Mehr an Funktion oft auch ein Mehr an ökologischen Kosten. Eine große Anzahl an Innovationen im Bergsport ist vornehmlich für Extremsituationen und professionelle Athleten entwickelt worden – der Otto Normal Sportler benötigt solch eine technische Leistung oft gar nicht. So muss es nicht immer gleich die Drei-Lagen-Membranjacke mit einer Wassersäule von 25.000 Millimetern sein, wenn doch laut DIN-Norm bereits 1.500 Millimeter als wasserdicht gelten. Die allerwichtigste Frage vor Kauf eines neuen Lieblingsstücks lautet deshalb: Welchen Grad an Funktion benötige ich für meinen persönlichen Einsatzbereich wirklich? Ökologisch betrachtet ist weniger oft mehr.

Auf Nachhaltigkeitssiegel achten
Bevor ihr ein neues Lieblingsstück kauft, fragt euch welcher Nachhaltigkeitsaspekt für euch persönlich wichtig ist und wählt das entsprechende Siegel aus. Wenn ich beispielsweise gerne eine Daunenjacke möchte, aber Wert auf das Tierwohl setze, sollte ich auf Auszeichnungen wie den RDS, den Down Codex oder GTS achten. Achtung: Oft gilt das Siegel nicht für die gesamte Marke, sondern nur für einzelne Produkte!

Auf Recycling setzen
Outdoor-Bekleidung ist immer noch zu einem hohen Anteil aus synthetischen Fasern (Polyester, Nylon etc.) hergestellt, um immer neuere Funktionen zu ermöglichen. Diese haben gegenüber natürlichen Fasern jedoch ökologische Nachteile: Sie verbrauchen bei ihrer Herstellung sehr viel Energie und sind meist schwer zu entsorgen. Eine gute Alternative ist hier Kleidung aus Recycling-Polyester, zu finden beispielsweise bei Bleed oder Vaude. Die Königsklasse ist natürlich, wenn diese Textilstücke aus synthetischer Faser wieder zu einem neuen Kleidungsstück recycelt werden. Die Marke Patagonia ist hier mit seiner „Worn Wear“ Kampagne ganz vorne mit dabei: Ausgediente Patagonia Lieblingsstücke werden zu neuer Kleidung verarbeitet.

Naturfasern wählen
Früher undenkbar, heute weitverbreitet bei Outdoor-Bekleidung: Naturfasern wie Bio-Baumwolle, Seide oder Wolle. Insbesondere Merinowolle steht aktuell hoch im Kurs. Wir sind mittlerweile große Fans der Naturfaser insbesondere bei Baselayern, Unterwäsche und Socken, denn sie ist temperatur- und feuchtigkeitsregulierend und auch nach schweißtreibenden Aktivitäten gibt es keinen Mief. Die Hersteller Icebreaker und Smartwool verwenden dabei Mulesing-freie Merinowolle von zertifizierten Betrieben.
Naturfasern haben gegenüber synthetischen Fasern den Vorteil, dass sie nachwachsen und auch viel leichter biologisch abbaubar sind. Denn das größte Problem entsteht beim Waschen von (auch recycelten) Synthetik Materialien: bei jedem Waschgang verliert es winzige Fasern, welche zumeist nicht aus dem Abwasser gefiltert werden können, und damit ins offene Gewässer gelangen. Dieses sogenannte Mikroplastik gefährdet das Leben der Meeresbewohner.

Achtung bei PFC
PFC (per- und polyfluorierten Carbonen) wird in der Outdoor-Industrie vornehmlich für atmungsaktive, wasserfeste und schmutzabweisende Produkte wie Regenbekleidung, Schuhe oder auch Zelte verwendet. Greenpeace hat 2013 mit seiner Detox-Kampagne erstmalig ein Bewusstsein für PFC geschaffen, denn diese Substanz steht unter anderem im Verdacht, Krebs auszulösen, dem Fortpflanzungssystem zu schaden und Hormone zu beeinflussen. Wenn es einmal in die Atmosphäre gelangt, baut es sich kaum wieder ab und wird über die ganze Welt verstreut.
Alternativen für PFC gibt es bereits einige auf dem Markt. Angefangen von alternativen Imprägnierungen mit Wachsen, Paraffinen und Silikonen bis hin zu Membranen wie beispielsweise Sympatex oder Paltex. Einige umweltbewußte Outdoor-Marken arbeiten bereits daran, PFC komplett aus ihren Produkten zu verbannen. Vorreiter ist hier Vaude, welche das Greenpeace Detox-Commitment unterzeichnet haben und sich damit verpflichten Outdoor-Produkte ohne PFC zu fertigen.

Produkt Lebenszyklus verlängern
Je länger die Lebensdauer eines Kleidungsstückes, desto geringer ist sein ökologischer Fußabdruck. Hier haben tatsächlich synthetische Fasern einen großen Vorteil: sie sind sehr robust und geradezu prädestiniert für den langen Outdoor Einsatz. Meistens ist bei diesen Kleidungsstücken also nicht die Funktion die kaputt geht, sondern vielmehr ein Detail wie ein Reißverschluss. Patagonia repariert deshalb in seinen Läden kaputte Outdoor-Bekleidung kostenlos – sogar markenfremde Ware wird bei bestimmten Aktionen entgegen genommen.

Auch die richtige Pflege des Lieblingsstückes spielt eine Rolle, um die Lebensdauer von Outdoor Produkten zu verlängern. Sportfachgeschäfte beraten hier gerne!
Wie wäre es denn auch mal gebrauchtes Outdoor Equipment ins Visier zu nehmen? Zu finden beispielsweise auf ebay oder Alpinflohmärkten. Das ist nicht nur gut für die Umwelt, sondern auch für den Geldbeutel.

Nichts kaufen, was man nicht wirklich braucht
Das Wichtigste und tatsächlich Einfachste zuletzt: Hinterfragt euch vor dem nächsten Kauf, ob ihr wirklich dieses neue Outdoor Lieblingsstück braucht. Denn viel kaufen, kurz oder nie tragen, schnell wegwerfen ist wohl das ungünstigste Nachhaltigkeitsszenario. Bestimmt kann auch mal auch ein Freund oder Freundin mit einem Ausrüstungsstück für ein bestimmtes Outdoor Erlebnis aushelfen – sei es der 40 Liter Rucksack, das Zelt oder die Regenhose.

Nachhaltigkeit in allen Lebensbereichen
Wenn wir von Nachhaltigkeit im Outdoorsport sprechen, meinen wir aber mehr als nur die Funktionsbekleidung. Achtsamkeit und umweltbewusstes Handeln gehören auf alle Lebensbereiche ausgedehnt. Müssen wir jedes Wochenende mit dem eigenen Auto in die Berge fahren? Muss es unbedingt ein Coffee To Go beim McDonalds in Garmisch sein? Die Brotzeit in Frischhaltefolie, Bananenschalen im Gebüsch, mit dem Bike durchs Naturschutzgebiet. Hand aufs Herz: wenn wir ganz ehrlich sind, kennen wir den Weg. Auch wenn er nicht immer der bequemste ist.