Herausforderung XS

Es fängt bei den XXL Einheits-Hotelbademänteln an, geht über Schlafanzug anmutende Trekkinghosen in der angeblich kleinsten Größe und endet bei Mountainbike Rahmengrößen, welche die 1,60 m große Frau mit den Füßen in der Luft hängen lässt. XS liegt selten im Trend, vor allem in der Outdoor Branche. Ist man klein und zierlich muss man suchen. Viel Geduld haben. Unzählige Retouren versenden. Auf die nächste Saison hoffen. Oder einfach nur die richtigen Marken kennen.

Ich will doch “nur” ein MTB

Wir berichteten bereits über das Freeride Camp Ende letzten Jahres in Saalbach-Hinterglemm. Zwei Tage lang ging es vornehmlich abwärts mit den Bike. Das Gefährt: ein Canyon AllMountain Bike in XS. Ein wunderbares Touren MTB, aber auf die Dauer nur bedingt geeignet für den Bikepark. Auch unser Coach Tibor Simai legte nahe, auf ein Enduro Bike umzusteigen. Es war die perfekte Legitimation für ein neues Rad! Und so nahm das XS Drama seinen Lauf.
Es folgten Abend-, Mittags- und Kaffeepausen füllende Fachgespräche mit Freunden und Kollegen. Stundenlange Recherchen im Internet. Die MTB Zeitschriften stapelten sich im Wohnzimmer. Die Kriterien schienen einfach: ein Enduro, mindestens 150 mm Federweg, annehmbare Lieferzeiten, attraktives Preis-Leistungsverhältnis und und soll wenn möglich eine annehmbare Rahmenfarbe haben (ja, das ist wichtig!). Die Herausforderung nur: XS.

Erster Versuch

Im Internet stoße ich auf die Marke PROPAIN, einen Bike Direktversender. Aktuell noch ein eher kleiner Player auf dem Mountainbike Markt, aber stark im Kommen. Verfalle auf Anhieb dem Tyee Flo 650B aus der Ladies Linie. Ein wunderschönes Enduro, tipptopp Ausstattung, unendliche Farbauswahl da individualisierbar und das alles zu einem exzellentem Preis. Und: es gib einen XS Rahmen! Jeden zweiten Samstag ist in der Filiale am Bodensee Tag der offenen Tür und wir testen das gute Stück vor Ort. Es fährt sich toll, die PROPAIN Jungs sind super lässig und hilfsbereit, man muss eigentlich nur noch zuschlagen. Aber, ich bin genau zwischen zwei Größen: XS und S. Ich scheine das erste Mal zu groß für ein Rad zu sein, oder eben dann doch zu klein.

Die Alternative?

Als Markenbotschafter von Canyon empfiehlt mir Tibor Simai das Strive. Dank dem sog. Shapeshifter, hierüber kann die Geometrie an Cross-Country oder Downhill während des Fahrens angepasst werden, ein wirklich geiler Abfahrtshobel, der auch noch bergauf fahren kann. Aber es gibt nur eine Männerversion, bedeutet, ist generell schon mal größer. Ein Klassiker: sobald das Material nicht mehr nur für “normale” MTB Touren herhalten muss, wird die Luft für uns Mädls oft dünn. Wird dieser Fakt noch mit “klein” kombiniert, ist man quasi auf verlorenem Posten. Ich bestelle dennoch: S Rahmen, goldene Pedale (ein bisschen Schischi muss sein). Fünf Wochen später steht die Canyon Box im Wohnzimmer. Schon beim Auspacken: sieht groß aus. Dennoch zusammen bauen, vielleicht ja doch, wenn man den Sattel ganz runter….Nein. Passt nicht. Gerade einmal die Zehenspitzen berühren den Boden. Auseinander bauen, einpacken, retour schicken.

Vor Ort: Vollgefedert oder was?

Ich wage das Experiment Fachhandel. Es geht zu einem großen Münchner Radgeschäft. Aus Fairness Gründen, vielleicht hatten sie ja nur einen schlechten Tag, nennen wir mal keine Namen.”Ich hätte gerne ein abfahrtsorientiertes Enduro Bike.” Fachhändler: “Soll das vollgefedert sein?” In diesem Moment hätte man eigentlich schon gehen müssen. Für alle Nicht-Radfahrer: Das wäre genauso, als ob man einen Cappuccino bestellt und der Keller fragt, ob denn Milch drin sein soll. Der “Radprofi” führt mich zu einem Bike und liest brav von der angebrachten Infotafel ab. “Tolles Rad das Ghost.” Nur schade, dass es sich hier um ein MTB der Marke Giant handelte. Habe ihn auch nicht mehr darüber aufgeklärt. Man braucht wohl nicht weiter zu erwähnen, dass Nachfragen zu technischen Details ins Leere verliefen. Wenn man schon zum Fachhändler geht und bereit ist mehr für ein Mountainbike auszugeben, sollte dieser auch über mehr Fachkenntnis verfügen als man selber nach drei Jahren radeln.

Aber, es geht auch anders! Der Rocky Mountain and Friends Laden im Münchner Glockenbach Viertel. Eigentlich war das Thema Rad bereits durch – nächste Saison dann eben. Es sollte nur eine neue Radl Brille gekauft werden. Und da stand es. Das Rocky Mountain Altitude. In XS. Verrückt. Die Ausfahrt um den Block resultiert in breitem Grinsen. Tom, der Besitzer des Ladens, erklärt das Trail Bike im Detail.Jede Frage wird beantwortet. Er kennt sich aus. Er nimmt sich Zeit. Er hört zu. Man fühlt sich wunderbar aufgehoben und beraten. So stellt man sich die Beratung beim Fachmann vor. Natürlich, diese Investition muss überdacht werden. Mountainbikes haben mittlerweile den stolzen Preis eines gebrauchten Kleinwagens – nach oben ist natürlich alles offen. Es geht also zum Bikepark Samerberg, nur eine Stunde Autofahrt von München entfernt. Dort können Rocky Mountain Bikes ausgeliehen werden, auch das Altitude. Mit dem Lift geht es also nach oben und in 44 Kurven 220 Höhenmeter nach unten. Das Altitude überzeugt: es passt nämlich. Zurück nach München, MTB bei Tom bestellt, eine Woche später ist es da. Es kann dann doch so einfach sein.

Für alle Mädls: Hier geht’s zu Enduro Bikes in XS (oder auch größer)

Rocky Mountain and Friends in München PROPAIN