Kameraden auf Zeit

Unseren Weg nach Venedig haben wir zu zweit geplant. Dabei spielen Vertrauen, Sympathie, Freundschaft und Verlässlichkeit eine wichtige Rolle. Wir funktionieren am Berg. Auf dem Weg aber begegnet man immer wieder Leuten mit den gleichen Ziel. Zum Teil sind das flüchtige Bekanntschaften, denen man aus der Entfernung zunickt. Zum Anderen aber trifft man Menschen, mit denen man gerne ein Stück des Weges gemeinsam geht, abends mit Schnaps anstößt und schließlich sogar Adressen austauscht.

VATER UND SOHN

Bereits auf der Tutzinger Hütte machen wir Bekanntschaft mit Heiner und Jan, Eckart und Flo. Unübersehbar Vater und Sohn. Überrascht, so viele männliche zweier-Gespannte anzutreffen, kommen wir schnell ins Gespräch. Wir erleben zwei Generationen, die offensichtlich jenseits der üblichen Konflikte, ein Miteinander voller Respekt und Wertschätzung leben. Vater und Sohn sind froh, über die gemeinsame Zeit und die bleibende Erinnerung daran. Bei unseren Gesprächen geht es um Partnerschaften, Erwachsenwerden, Vertrauen und Berggeschichten. Aber warum gerade Vater und Sohn? Nicht Mutter und Tochter? Heiner und Jan haben die Antwort: bei einer Alpenüberquerung gibt es viele Etappen, wo man nur wenig sprechen muss. Für Männer ideal, jeder wandert für sich und folgt den eigenen Gedanken. Wir fühlen uns familiär aufgehoben und freuen uns über gemeinsame Mahlzeiten, eine Gruppen-Gipfel-Etappe und den Belohnungs-Schnaps.

DOKTOR HANS

Auf dem Berg sind wir alle gleich. Es geht nicht um Titel, Positionen, Alter oder Einkommen. Wir tragen alle die gleichen Funktionsklamotten, kämpfen mit der Körperhygiene und Leben ein konsequentes ‘DU’ über alle Altersschichten hinweg. So haben wir Hans kennen gelernt. Ein anfangs zurückhaltender, alleinreisender Herr im besten Alter. Stets mit dem passenden Zitat auf den Lippen (von Loriot bis Rilke) nähert er sich schnell unserer kleinen Wandergemeinschaft an. Erst nach vielen Höhenmetern aber stellt sich heraus, dass es sich um ‘Dr.’ Hans handelt, der im echten Leben Leiter einer psychiatrischen Ambulanz ist. Nachdem aber auch er nicht im Dienst ist, trägt mein Demenz-Test (bei den Rechenaufgaben gehen mir wichtige Punkte verloren) nur zur Erheiterung der Gruppe bei.

EIN GEMEINSAMES STÜCK ERINNERUNG

Auf unserer Strecke von München nach Venedig kommen wir schnell ins Gespräch mit anderen Wanderern. Das gemeinsame Ziel ist stets ein willkommener Anknüpfungspunkt. Uns fällt auf, dass man sehr schnell auch sehr persönliche Themen anspricht, die sonst vielleicht nur mit engen Freunden geteilt werden. Das schafft Nähe und Vertrautheit. Diese aber funktioniert vielleicht nur, weil man den anderen kaum kennt und völlig ohne Vorgeschichte wahrgenommen wird. Weil man keine Ansprüche an den Anderen stellt und den Moment zu schätzen weiß. Ob man sich nun nur für einige Stunden kennen wird, oder daraus eine tatsächliche Verbindung entsteht – wir teilen ein gemeinsames Stück Erinnerung. Danke an Hans, Heiner, Jan, Eckart und Flo. (Barb)