Jotunheimen Classic Teil 2

5. Etappe: Leirvassbu, Rentierherden und ein Bad im Bergsee

Diese Etappe ist kurz. Sie führt weit hinter in ein Tal, immer an einem wilden Fluss entlang. Leicht bergan und mit ständigem Blick auf ein imposantes Massiv. Die roten Ts leiten mir den Weg über einige Brücken, dann wieder müssen die wilden Seitenarme des Flusses von Stein zu Stein hüpfend gekreuzt werden.

Am Ende des Tals erstrecken sich massive Gletscher. Fast bis runter ins liebliche Flussbett reichen sie, auch wenn man deutlich sieht, dass sie einst viel mächtiger waren. Es wachsen kleine puschelige Blumen, das Moos blüht und im Hintergrund gurgelt munter der Bach. Hier gibt es einen kurzen steilen Aufschwung und schon steht man auf einer Hochebene, die einem Pass ins nächste Tal gleich kommt.

Von hier aus sieht man den (übersetzt) „Prieser-Berg“, der pyramidenartig den Weg weist. Vorbei an einigen Bergseen und Schneefeldern. Bis plötzlich diese Rentierherde vorbeiläuft. Sehr nah sogar. Sie bleiben stehen. Gucken. Laufen weiter. So wie auch ich (nachdem ich ganz aufgeregt die Kamera rausgeholt hab).

Es ist der vierte Tag in einer Reihe, dass die Sonne scheint. Die Temperaturen lassen einen an Sommer denken, ein T-Shirt reicht völlig aus. Und so wird auch der nächste der Bergseen für ein kurzes Bad genutzt. Sehr ambitioniert, das Herzerl scheint bei dem Schmelzwasser doch fast stehen zu bleiben. Aber herrlich erfrischend.

Bis zur Hütte Leirvassbu sind es noch drei weitere Bergseen und gut eine halbe Stunde Fußmarsch. Von außen nicht besonders aufregend – von innen aber bisher die schönste Hütte.
Die Wikinger kann man förmlich spüren, alles aus Holz, traditionell gebaut, schön dekoriert. Großzügig mit Fenstern und geschmackvoll im Umgang mit traditionellen Artefakten.

6. Etappe: Gjendebu und das rapide Stimmungstief

Auch diese sechste Etappe startet mit Sonnenscheint. Heute sind wenig Höhenmeter zu machen. Nach einem kurzen Anstieg geht es fast durchgehen bergab bis Gjendebu. Heute zeigt sich die Bergwelt wieder von einer anderen Seite. Scheinbar rauher, mehr Schnee auf den Gipfeln. Lange führt der Weg an einem langgestreckten See vorbei bis er sich am Ende als Fluss oder eher als Wasserfall über einem Plateau erstreckt.

Die Landschaft wird immer buschiger, je weiter man runter kommt. Es gibt Blumen, einen kurzen Schauer, Horden von Mosquitos und eine kleine Kuhherde. Der führt runter an den wilden Fluss und in idyllischem auf und ab immer weiter Richtung Gjendebu.

Leider machte sich bereits am Nachmittag ein verdächtiges Grummeln in meinem Bauch bemerkbar. Jaja, bestimmt die Bewegung, das labbrige Brot oder einfach nur Hunger. Trotzdem führt mich mein Weg als allererstes auf die Toilette, als die Hütte erreicht ist. Toilette ist etwas übertrieben gesagt. Auch in Norwegen ist das System des Plumsklos etabliert – was eine herrliche Kombination ist, wenn man die ganze Nacht kotzend über der Schüssel hängt. Wie tief kann man eigentlich sinken?

Wie gut, dass das Wetter so eindeutig beschissen ist am nächsten Tag, dass es ein leichtes ist, die Tour ein bisschen umzuplanen. Statt zu Fuß nach Memuburu zu gehen, gibt es ein Boot. Statt einem steilen Aufsteig kann ich den ganzen Tag im warmen in der sehr gemütlichen Hütte sitzen. Ein kleiner Trost für die durchwachte Nacht.

7. Etappe: Besseggen, Paradetour und Abschied von Jotunheimen

Der Besseggen wird auch der „Sensengrat“ genannt. Eine Tour, die über den schmalen Übergang zwischen Bessvatnet-See und Gjende-See führt. Sehr aussichtsreich und dafür auch sehr überlaufen, so sagen es alle Wanderführer.

Dir Tour startet für mich in Memurubu, noch etwas flau im Magen, aber immerhin nicht mehr kurz vor dem Kollaps. Es es geht gleich steil bergan in einer Schlange von Wanderern, die natürlich alle gleichzeitig von der Hütte starten. Die Reste des schlechten Wetters hängen noch zwischen den Gipfeln, doch lässt sich erkennen, dass es ein guter Tag wird. Tiefe Nebelschwaden, kurze Schauer und doch wird immer wieder der Blick frei auf den grünen Gjende, den massiven See im Talboden.

Nach knappen drei Stunden in stetem auf und ab ist die schmale Stelle zwischen den Seen erreicht. Auf der linken Seite passiert man das Ufer des fast schwarzen Bessvatnet, während auf nur wenige Meter weiter rechts der Blick frei wird, auf den über 400 Meter weiter unten liegenden Gjende See. Ein beeindruckendes Bild, besonders wenn man den Blick geradeaus richtet und die eigentliche „Sense“ sieht. Ein schmaler Grat, der weitere 300 hm in leichter Kletterei auf den Gipfel führt.

Der höchste Punkt ist in einer weiteren Stunde erreicht. Von weit oben eröffnet sich der Blick auf das ganze Spektakel. Kein Wunder, dass das als DIE Wanderung in Jotunheimen beschrieben wird. Der Rückweg führt in einfacher Wanderei wieder zurück zum ursprünglichen Ausgangpunkt Gjendesheim. Seltsam, hier nach einer Woche wieder anzukommen….

Jotunheimen, kurz gesagt

Nun habe ich noch nicht viel von Norwegen gesehen, aber der ganze Nationalpark Jotunheimen ist definitiv sehr sehens- und erlebenswert. Eine lange Hüttentour, wie diese klassische Runde, ist ein sehr außergewöhnliches Erlebnis, das ich jedem empfehlen kann. Der größte Unterschied zu unseren Bergen ist, die Einsamkeit. Man kann stundenlang gehen, ohne jemandem zu begegnen. Die Berge sind nicht zivilisiert, wie bei uns. Es gibt keine Almen oder Gondeln, keine Gipfelkreuze oder Strommasten. Alles scheint wild und pur. Ein völlig anderes Bergerlebnis.