INTERVIEW: ANA’S WAY WEST

Vor kurzem haben wir Ana getroffen. Eine tolle Frau, mit einem spannenden Projekt – das wir euch hier vorstellen wollen. Ana überquert die Alpen. Aber nicht, wie wir damals von München nach Venedig, sondern von Ost nach West. Das ist pauschal schon mal um einiges länger und wesentlich weniger begangen. Dazu noch hat sich Ana vorgenommen allein zu wandern und draußen zu schlafen. Ein stolzes Zeil bei 1.900km, ca. 120.000 Höhenmetern, durch die Österreichischen-, Italienischen-, Schweizer- und Französischen Alpen.

Es zeigt, dass es nicht immer eine Gruppe braucht oder einen starken Mann, nicht unbedingt perfekte Bedingungen oder Spitzensportler-Gene. Manchmal reicht die Leidenschaft für die Berge, die Vision von einem großartigen Sommer und der Mut, sich über Ängste, Ratschläge und Vorurteile hinweg zu setzen.

Hallo Ana. Erzähl doch mal von deiner Tour.

Die Tour besteht aus neun Etappen aus je drei bis zwölf Tagen. Für jede Etappe habe ich mir ein Motto ausgewählt, das mir dabei helfen soll meine persönlichen Ziele zu erreichen. Ich plane keine längeren Pausen einzulegen, werde aber zwischen den Etappen im Tal meine Vorräte an Energieriegeln, Verpflegung usw. auffüllen. Dank meiner Sponsoren habe ich hier viel logistische Unterstützung und bekomme unterwegs Pakete, z.B. von Clifbar und von Sport Conrad. Auf dem Weg passiere ich so manche Gipfel, die es zu besteigen gilt. Viele von ihnen sind über 3000m hoch, ein paar auch über 4000m. Zudem gibt es spannende Klettersteige und natürlich ein paar hochalpine Gletschertouren.

Wo genau bist du denn gerade? Von wo schreibst du uns?

Im Moment bin ich in Mals im Vinschgau (Südtirol). Draußen schüttet es und ich höre immer wieder von Erdrutschen in der Gegend meiner nächsten Etappe in der Schweiz, und außerdem schneit es bis auf 1800m runter. Da ich meistens auf ca. 2300-3000 Metern unterwegs bin, ist das natürlich suboptimal. Deswegen habe ich meine Halbzeit-Pause hier gerade um einen Tag verlängert. Aber morgen geht es weiter, egal wie das Wetter ist. Gerade schreibe ich euch aus einer kleinen Bibliothek hier, deren Rechner ich seit Stunden belagere. Aber die Menschen hier sind immens freundlich und sehr offen und herzlich.

Wie geht es dir in diesem Moment? Wie ist die „Gross-Gefühlslage“?

Mir geht es sehr sehr gut. Ich genieße es, so unterwegs zu sein und freue mich auf die Herausforderungen der nächsten Wochen mit etwas widrigeren Wetterumständen und mit höheren Lagen, und Touren in Schnee und Eis. Das Gehen macht mir Spaß und ich fühle mich so fit wie noch nie in meinem Leben. Ich hatte ein bisschen Rückenverspannungen, aber nichts Wildes. Und gestern habe ich mir hier eine fantastische Massage zur Halbzeit gegönnt und heute gehe ich in die Sauna.

Wie bist du in der Zeit? Musstest du Umwege gehen, warst du schneller oder langsamer als geplant?

Bisher war ich tendenziell eher schneller als geplant unterwegs. Durch die Dolomiten bin ich durchgerannt, da war mir zu viel los. In der Ortlerregion, wo ich jetzt bin, gefällt es mir extrem gut und ich will unbedingt wieder her kommen und habe schon ein paar weitere Gipfel hier im Visier.

Was war deine bisher größte Herausforderung unterwegs?

Ich hatte einen kleinen Unfall bei dem Versuch einen unmarkierten Gratweg zwischen Madritschspitze und Eisseespitze zu gehen. Da bin ich in dem extrem brüchigen Felsgelände abgerutscht und ein paar Meter gerutscht bzw. gestürzt. Ich habe sehr großes Glück gehabt, dass mir nichts Schlimmeres passiert ist. Allein ist das schon etwas riskanter alles. Aber andererseits bin ich auch vorsichtiger und konzentrierter. So habe ich an der Stelle dann die Route abgebrochen. Später habe ich erfahren, dass es den Gratweg nicht mehr gibt, und ich szsg. in ungangbarem Gelände unterwegs war, weil ein Gletscher geschmolzen ist und damit der gesamte Weg abgerutscht ist. Das Gelände hier verändert sich wegen der Gletscherschmelze sehr schnell und stellt große Herausforderungen an die eigenen Einschätzungen.

Dein schönster Moment?

Der Gipfel des Ortler (3905m). Da sind mir die Tränen in die Augen geschossen, das war so überwältigend schön. Schon der Aufstieg, bei dem es um 5 Uhr morgens noch mit Stirnlampe losging war fantastisch. Und die Sicht oben war wirklich berauschend. Ein Foto kann das nicht wiedergeben, was man da empfindet. Aber das hat sicher auch mit dem anspruchsvollen Anstieg über Fels und Eis zu tun.

Nun ist deine Packliste ja sehr übersichtlich. Was ist dein liebstes Item im Rucksack und warum?

Das ist definitiv mein Schlafsack. Bisher war ich mit dem Glacier SL 600 von Mountain Equipment unterwegs, der wirklich sehr kuschelig ist. Jetzt ist es aber zu kalt geworden und ich habe ihn gegen das selbe Modell als 1000er austauschen können. Das ist gut, denn in der Schweiz wird es kalt. 

Du bist ja alleine unterwegs. Wie ist es doch immer wieder auf Menschen zu treffen?

Manchmal schön, manchmal scheiße. In den Dolomiten hatte ich eine richtige Allergie auf Menschen. Das lag aber oft auch an deren sehr respektlosem Verhalten dem Berg gegenüber. Oft bin ich gerne alleine, je länger je lieber ;-). Aber ich habe auch sehr sehr schöne Begegnungen gemacht und tolle Leute kennengelernt. Gerade hier in Mals bzw. oben in Sulden, die Bergführer-Crew von “Feel the Mountains”, das sind super nette Leute und wir waren die letzten Tage auch zusammen noch Abends unterwegs.

Wie reagieren die Leute, wenn sie hören, dass du alleine unterwegs bist?

Meistens fragen sie, ob ich keine Angst habe alleine. Auf die Idee war ich vorher tatsächlich nie gekommen. Z.b. mit dem draußen schlafen: da hätte ich im Tal viel mehr Angst als am Berg. Was soll dort oben passieren? Angeblich gibt es hier ein paar Bären, aber die hätten wahrscheinlich eher Angst vor Menschen. Ansonsten bekomme ich sehr viel Zuspruch und auch über den Blog total schöne Rückmeldungen. Das ist ungemein motivierend und freut mich ganz tief.

Was vermisst du am meisten? Und wen?

Ich muss sagen, ich vermisse eigentlich nichts und niemanden. Klingt das brutal? Ich bin einfach sehr bei mir hier oben, und das schätze ich sehr. Natürlich gibt es Momente, die ich gerne teilen würde. Da ist es manchmal traurig allein zu sein. Es gab insgesamt drei Leute, die mich unbedingt hier besuchen und ein paar Tage mit mir gehen wollten. Zwei von ihnen haben abgesagt. Ich war sehr enttäuscht darüber und wappne mich jetzt lieber innerlich für die dritte Absage. Also ja: ich bin schon einsam. Aber lieber zufrieden einsam als mit enttäuschten Erwartungen vermeintlich uneinsam.

Jetzt ist Halbzeit: wie fühlt sich das an?

Es ist fast ein bisschen traurig, weil ab jetzt die Tage ja weniger werden. Aber andererseits bin ich jetzt richtig “drin”, und das fühlt sich sehr gut an. Mein Körper ist die viele Beanspruchung gewöhnt und kommt gut damit klar. Ich kenne meine Grenzen jeden Tag besser und bin auch nicht mehr so verbissen und leistungsorientiert wie am Anfang.

Dein Verhältnis zur Natur: hat sich da was verändert?

Ach, es ist einfach überwältigend schön hier. So schön, dass ich manchmal lachen und weinen möchte zugleich. Verändert hat sich, dass ich meine Umwelt noch tiefer wahrnehme, mich noch stärker verbunden fühle und viele Prozesse die ich in der Natur sehe auch in meinem inneren wieder erkenne. Besonders mit Fels und Eis geht mir das so. Darüber habe ich hier auch ausführlich geschrieben:

Wenn du dir selbst vor deiner Reise einen Tipp hättest geben können – was wäre dieser gewesen?

Das ist eine tolle Frage. Darüber muss ich noch länger nachdenken. Ich verspreche, dass ich darauf noch eine Antwort nachreiche ;-).

Was würdest du jeder outdoor-begeisterten Frau raten, die eine solche oder ähnliche Wanderung vor hat?

Vor Allem eine ausführliche körperliche und logistische Vorbereitung. Ich habe viele Wochen trainiert und auch viel Zeit für die Vorbereitung meiner Füße verwendet. Unterwegs auch jeden Tag die Füße einzucremen finde ich ganz wichtig. Weil wenn da was fehlt, macht es sehr schnell keinen Spaß mehr.

Liebe Ana, danke für das Interview. Wir wünschen dir noch eine fantastische Zeit und großartige Bergerlebnisse!
Wir hören uns bestimmt nochmal, wenn du wieder zurück in München bist.

Wenn ihr noch mehr über Ana und ihre Abenteuer lesen wollt, besucht ihren Blog
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