Instagram-Hype im Realitäts-Check

Instagram bietet uns Sehnsuchtsmotive, die aus einer anderen Welt zu stammen scheinen. Man sieht sie, träumt kurz von einem anderen Leben und scrollt dann weiter zur nächsten Ikone. Doch was ist, wenn man an einem Motiv hängen bleibt? Beginnt zu recherchieren. Hashtags zu identifizieren. Herauszufinden, wo das ist. Und dann?

So ist es mir passiert. Eine schroffe Bergkette mit vielschichtigen, schräg abfallenden, grünen Hängen. Unwirklich, mystisch, massiv. Und doch lieblich und sanft. Manchmal im Morgenlicht, dann wieder hinter düsteren Wolken versteckt. Mit einsamem weinblickenden Wanderer. Mit Hipsterfüßen aus dem Zelt guckend. Die Seceda. Wie ich jetzt weiß: ein Hochalmengebiet auf der Rückseite der Geißlerspitzen. Tief hinten im Grödnertal, vorbei an St. Christina und St. Ulrich, umrahmt von Langkofel, Sellastock und Seiseralm.

Das was mir nicht genug. Manchmal muss man den Dingen auf den Grund gehen. Die Dolomiten sind nicht weit und immer ein lohnendes Ziel. Ich besorge mir eine Karte, steige ins Auto und schaue mir das Ganze mal an.

Das Grödnertal ist in ca. 45 Min von Bozen aus erreichbar. Hat man die lange Serpentinenstraße überwunden öffnet sich das Tal in seiner ganzen Weite. Man sieht imposante Gipfel auf allen Seiten… und fährt durch eine ganze Reihe touristischer Dörfer. Die Wanderkarte sagt die Seceda ist über ein weites Gondelnetz erreichbar. Das bereitet mir Sorgen. Als ich anreise regnet es. Ich entscheide mich oben am Berg zu übernachten, schließlich gibt es eine ganze Reihe von Almen und Berghotels. An diesem Abend sehe ich nichts. Tief unten hängen die Wolken. Es donnert aus allen Richtungen und ich plane lieber einen frühen Start am nächsten Tag.

Um halb acht verlasse ich das Haus. Es ist klar und von allen Seiten her ist massives Panorama angesagt. Der Aufstieg dauert ca. 90 min von Col Raiser aus. Ständig muss ich stehen bleiben, weil es gar so schön ist. Doch mein Ziel ist die Seceda, von hier aus soll man den bekannten Blick haben.

Und da ist sie! Es sieht tatsächlich so aus. Die Sonne ist schon aufgegangen, der Hipster fehlt und ein Zelt habe ich auch nicht dabei. Aber ich laufe auf den schrägen hängen und staune vor der gewaltigen Formation. Ganz oben angekommen ist das Bild vollständig. Es braucht keinen Photoshop. Und keinen Filter…. Allerdings darf man sich nicht umdrehen. Und sollte auch nicht erst mittags hier oben sein. Was einem Instagram nicht gezeigt hat, ist die Rückseite der Szenerie.

Die Gondel fährt exakt zum Hipster-Fotopoint. Hier stehen sie dann auch alle, sobald die Gondel fährt. Es werden Stative aufgebaut, Drohnen fliegen, der Hipster steht in der Wiese und posiert. Das Zelt Motiv ist mir noch ein Rätsel. Die Almwiesen fallen so schräg ab, dass hier kaum einer eben schlafen könnte. Auch denke ich kaum, dass bei der Frequenz hier jemand idyllisch zum zelten geht. Ab zehn wandern hier hunderte von schlecht besohlten Touristen herum und blockieren die zahlreichen Wege.

Und doch lohnt sich mein Ausflug. Ich habe die Seceda ganz früh am Morgen für mich alleine. Den restlichen Tag kann man gut damit verbringen durch das weitläufige Almengebiet zu laufen. Fotostopps, Buttermilch, Schläfchen in die Wiese.