Hüttenkunde Norwegen

Im wesentlichen funktionieren die Hütten in Norwegen wie bei uns. Man zahlt seinen Mitgleidsbeitrag, bekommt Vergünstigungen. Man schläft im Lager und fürchtet die Schnarcher. Es gibt Waschräume und Dusche auf Zuzahlung. Achtet man jedoch auf die Details, kann man einige interessante Feinheiten entdecken, nicht nur für Erheiterung sorgen, sondern hinterfragt werden können, bereichernd sind oder einfach mehr Sinn machen.

Schuhraum

Da ist es wieder, das Klischee vom deutschen Pedanten. Hier bin ich! Warum kann man denn die Schuhe nicht alle in ein Regal stellen!? Nein, da stehen duzende Paar Schlappen, Bergstiefel, Turnies, wasweissich, kreuz und quer im Flur rum. Ich frag auch noch nach „the official shoe place“ und mir wird stolz der traurige Haufen präsentiert. Da Lob ich mir den alpenländischen Schuhraum, samt eingebauter Schuhheizung und Sitzbank.

Ansprache

Auf den Hütten, die ich hier kennen lerne, gibt es kein Essen à la carte. Es gibt eine Uhrzeit. Und dann gibt es essen. Für alle gleichzeitig. Bevor es losgeht spricht der Hüttenwirt zu allen. Er erzählt wo das Essen herkommt, betont den lokalen Bezug und gibt’s sogar Wein Empfehlungen dazu. Ehrfürchtig lauschen alle, bis es mit dem Menü losgeht. Gegessen wird, was auf den Tisch kommt. Norwegische Spezialitäten, selbst geräuchert, handverlesen. Ich probiere Rentiereintopf, Elchsalami, Rentierzunge, Lachs, Hering, Pastete. Sehr verrückt teilweise, aber immer wahnsinnig frisch und wertig.

Hüttenruhe

Geruht wird auf diesen Hütten schon. Aber was mich schwer irritiert, ist das Tageslicht. Es wird einfach nicht dunkel. Auf heimischen Hütten kriecht man doch gerne mal um halb zehn ins Lager. Der Tag hat einen müde gemacht und dunkel ist eh schon. Hier aber ist es hell bis nach elf. Die müden Knochen müssen sich doch irgendwie anpassen … spätestens aber zum Sonnenaufgang um vier versagt das System. Keine Chance auf einen SO frühen Gipfel.

Es scheint auch sonst ticken die Uhren anders. Das Klima is anders, also droht keine Gefahr von Sommergewittern am Nachmittag. Auch die Touren sind anders. Es geht weniger um den einen hohen Gipfel, sondern viel mehr um den Weg, um das draußen sein. Es wird Strecke gemacht, Trekking eben. So ist man gut acht bis zehn Stunden am Tag unterwegs. Nachdem es aber so lange hell ist, kann man sich den ganzen Tag Zeit lassen.

Design

Es sieht anders aus auf norwegischen Hütten. Schon die Hütte von außen erinnert kaum an alpenländische Architektur. Meist Holzhäuser. Oft Rot. Sie heben sich von der Landschaft ab, ohne dabei aufdringlich zu wirken. Auch innen erkennt man stark den skandinavischen Geschmack. Helles Holz. Große Fensterfronten. Kamin mit Elchfell. Keine Zirbelstube, kein Herrgottswinkel und keine ausgestopften Murmeltiere. Dafür aber vielleicht kleine Trolle. Architektur und Ausstattung bestechen eher durch eine zurückhaltende Klarheit. Funktional, aber doch liebevoll. Ehrlich und ursprünglich.

Fazit

Hütten in Norwegen sind mindestens genauso gut aufgestellt, wie die in den Alpen. An einigen Stellen könnten die einen von den anderen lernen. Insgesamt ist es aber furchtbar spannend so ein scheinbar bekanntes System neu zu entdecken und in seinen Feinheiten zu verstehen. Besonders, wenn man sieht, dass Bergsteiger auf der ganzen Welt ähnlich ticken.