Höhenwege, Regentage und Belluno

Immer wieder hören wir von Hüttenwirten, dass der Sommer dieses Jahr ungewöhnlich kalt und unbeständig ist. Die Refugios haben Probleme mit Strom und Internet, wir hören von Überschwemmungen und Erdrutschen durch den aufgeweichten Boden. Beim Blick auf die Wetterbilanz unserer Tour bisher können wir das nur bestätigen. Wir kommen vorbei an abgerissenen Graskanten, Hagelfeldern und balancieren durch Schlamm. Die nächsten Etappen sind abwechslungsreich. Landschaftlich und Wettertechnisch.

PAUSENTAG UND WETTERPECH

Die Dolomiten präsentieren sich abermals monumental. Wir umrunden die Civetta und sehen das Massiv ähnlich facettenreich wie die Tage zuvor. Das Bilderbuchwetter der letzten Woche allerdings wird durch Wind und tief liegende Wolken ersetzt. Die Vorhersage für die nächsten Tage ist deprimierend. Zum nächsten Refugio kommen wir wider Erwarten noch trocken. Den nächsten Tag aber setzen wir aus. Von der warmen Stube des Refugio San Sebastiano aus beobachten wir Starkregen. Hagel. Sturmböen. Und schließlich ein gewaltiges Gewitter. Wir sind froh hier mit Grappa und Kaminfeuer ein bisschen Zeitvertreib zu finden.

SCHLAMMSCHLACHT UND PLANÄNDERUNG

Der eigentlich wunderschöne Panoramaweg vom Refugio San Sebastian zum Refugio Sommariva zeigt sich tief verschlammt und rutschig. Eigentlich liegt unser Ziel für heute noch drei Stunden weiter, beim Rifugio Fontana. Der 3-stündige Weg über den Cime de Zitta, eine auf 2400 Meter hoch gelegene Scharte und die folgenden 800 Höhenmeter Abstieg sind uns aber im Anblick des aufziehenden Gewitters zu riskant.

KLETTERSTEIG UND ABSTIEGS-REKORD

Wir planen also um, bleiben im kleinen Refugio Sommariva und verlegen auch unsere Ankunft in Belluno. Die Etappe vom Rifugio Fontana bis nach Belluno gilt als die anspruchsvollste der gesamten Tour. Es gilt die Schiara, einen Klettersteig im Schwierigkeitsgrad 3C, zu überwinden und über das Rifugio Alpini #7 ins Tal abzusteigen. Für unerfahrene Wanderer und schlechtes Wetter empfiehlt sich die Umgehung des Massivs und damit den Abstieg bereits einen Tag früher. Uns stellt sich die Frage nicht, das Wetter trifft die Entscheidung. Nachdem wir den Tag zuvor wetterbedingt früher beendet haben, wird unsere Schlussetappe vor Belluno zum Abstiegs-Rekord. Insgesamt bewältigen wir über 700 Höhenmeter im Aufstieg und ganze 2200 im Abstieg. Morgens zeigt sich das Wetter noch gnädig und erlaubt uns einen letzten Blick auf die Dolomiten. Den Rest des Tages allerdings regnet es Hunde und Katzen. Und Murmeltiere. Gemse. Frösche. Salamander.

Kurz wird die Wasserschlacht unterbrochen von einer wunderbaren Pasta im Rifugio Bianchet. Dann geht es weiter von schroffen Felsen, Schutthängen und schmalen Scharten, über Schneefelder, Buchenwälder, Wiesen und Schluchten weit weit hinunter ins Tal. Kurz bevor wir die Straße erreichen, wird es auf einmal hell und die Sonne zwingt uns die Gore-Tex-Montur abzulegen. Der Wald spuckt uns aus und plötzlich sind wir wieder in der Zivilisation.

BELLUNO UND BERGWACHT

Belluno ist eine wunderbare kleine Stadt am Fuße der Dolomiten. Mit einer historischen Altstadt und der typischen Mischung aus Eisdielen, kleinen Geschäften und Bars verbringen wir einen entspannten Tag mit Espresso, Sprizz und Stracciatella. Wir freuen uns über frisches Obst, einen Markt, die Rolltreppe mitten durch die Stadt und eine italienische Hochzeit.

Abends finden wir ein gemütliches Lokal, in dem wir auf allerlei alte Bekannte treffen. Zwar wirkt die Pizzeria nicht touristisch, bietet aber offensichtlich nicht nur italienischem Publikum eine gute Abendunterhaltung. Wir sehen einige München-Venedig-Wanderer, andere Gäste aus unserer Unterkunft und schließlich auch eine größere Gruppe sportlicher Herren, die wir am Tag zuvor an der Bushaltestelle getroffen hatten. Offensichtlich war die Gruppe beim Canyoning. Die ungewöhnliche Mischung aus Neopren und Klettergurt spricht für sich. Wir kommen ins Gespräch. Es stellt sich heraus, dass es sich um eine Fortbildung der Bergrettung Salzburg handelt. Wir lernen allerlei über die sachgemäße Verteidigung gegen Kühe und über waghalsige Heli-Flugmanöver, leichtsinnige Bergsteiger, Rettungssignale und über Drogenlollis. Das sind also die Männer, die uns vom Berg holen. Eine Mischung aus Superman, Bergdoktor und McGyver. Wir fühlen uns gut aufgehoben, nicht nur in alpinistischer Hinsicht. Die Zeit verfliegt und nach Pizza, Rotwein, Eis und einigen Sprizz haben wir die lang gewöhnte Hüttenruhe (21.15 Uhr) erstmals seit langem wieder um viele Stunden überschritten. Wie schön.

(Barb)

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