Die Gamskarkogelhütte: Ursprünglich. Echt. Ehrlich.

Auf Hütten zu übernachten ist für uns inzwischen normal geworden. Man arrangiert sich zwar mit dem Lager aber längst ist man gewohnt nach der Tour zu duschen, Handys aufzuladen und aus einer langen Speisekarte zu wählen. An modernen Alpenvereinshütten wird nicht gespart – aber braucht es das unbedingt? Dass es auch anders geht, was eigentlich viel besser ist, beweist die Gamskarkogelhütte im Gasteiner Tal. Ursprünglich, aber echt. Historisch, herzlich, aussichtsreich.

Panorama XXL.

Ich entscheide mich für den Aufstieg über die Poserhöhe. Vom Gasthof Grüner Baum geht es steil bergan über einen Steig. In straffen Serpentinen gewinne ich schnell an Höhe. Hin und wieder gibt ein Drahtseil und einen langen Schritt. Unterwegs erheitern Schilder mit lustigen Sprüchen und Zwergen den Weg. In einer knappen Stunde erreiche ich gut durchgeschwitzt die Poserhöhe. Von hier bietet sich der erste Panoramablick über das Gasteiner Tal. Liegestühle erwarten mich und eine kühle Hollunderschorle. Der Weg ab hier ist einfacher, aber nicht minder abwechslungsreich. Zuerst lange durch dichten Wald, sanft am Hang entlang. Irgendwann lichten sich die Bäume, ich erreiche die Waldgrenze. Der Blick auf den Gipfel wird frei – herrlich, aber gepaart mit der Erkenntnis dass es noch ziemlich weit hoch ist. Immer wieder muss ich stehen bleiben und einfach nur gucken. Es ist einfach zu schön. Das Wetter ist gut, auch wenn sich weit hinten schon die ersten Gewitterwolken zusammen brauen.

Die einzig wahre Hütte

Eine gute Stunde später erreiche ich den Gipfel. Die Oberschenkel sind ein bisschen beleidigt, aber das Herz hüpft. Die Aussicht ist unbeschreiblich. 360 Grad Panorama, ich sehe Ankogel, Schareck, weit hinten den Großglockner. Zur Hütte sind es nur noch wenige Meter. Die Gamskargogelhütte steht einfach mitten auf dem Gipfelgrat. Klein, aber Souverän. Die Ganskarkogelhütte liegt auf 2.467 Meter. Links und rechts geht es steil die Gradhänge hinunter.

Sie ist Österreichs älteste Hütte, die rein als Schutzhütte gebaut wurde. Seit 1828 steht das kleine Häuschen hier oben und versorgt müde Wanderer. Gerade einmal 21 Personen passen in die Lager. Tagesgäste aber gibt es viele. Die Terrasse ist gut besucht als ich gegen Mittag oben ankomme.

Gottfried, der Wirt, empfängt mich herzlich. So wie alle Gäste werde ich mit Handschlag begrüßt. Die Wirtin backt Brot in der kleinen Stube. Es gibt Kuchen, Strudel und einfache Brotzeit. Für mich Weißbier und Apfelkuchen. Trotz der Geschäftigkeit scheint ausreichend Zeit für einen kurzen Plausch und einen Schnaps. Ich kann kaum zwischen Touristen und Stammgästen unterscheiden, hat Gottfried doch für jeden einen Moment Zeit.

Ehrlich. Einfach. Echt.

Auch ich komme mit dem Chef vom Gamskarkogel ins Gespräch. Ich bin überrascht keinen kauzigen Aussteiger kennen zu lernen, sondern einen studierten Betriebswirt. Auch wenn der gebürtige Grazer erst seit zwei Jahren hier am Gamskarkogel ist, so hat er schon damals in den Semesterferien die nicht weit entfernte Rojacher Hütte bewirtschaftet. Beide sind wahre Hütten-Urgesteine und leben von einem unvergleichlichen Charme. “Echt, einfach und ehrlich.” so Gottfried. Man muss sich auf die Hütte einlassen, meint er. Es gibt keine Dusche, kein warmes Wasser, lediglich ein Plumsklo. Licht in der Stube kommt über Gaslampen und nichtmal die Küche hat Strom. Das Essen ist einfach, wenig Auswahl. Dafür aber wird jeden Tag frisch gebacken und die Produkte sind aus der Region. Hier oben findet der Körper keine Erholung meint er, dafür aber die Seele.

Und das ist es was die Hütte ausmacht: die Echtheit. Eine Hütte, wie sie sein sollte. Kein unnötiger Luxus, keine überteuerten SchiSchi-Lifestyle-Produkte, keine 10-seitige Speisekarte, keine Seminarräume und Kletterwände. Dafür aber alles was man wirklich braucht. Und was einem trotzdem wie Luxus vorkommt. Das unvergleichliche Panorama an einem wirklich zauberhaften Fleckchen Erde. Eine trockene Stube und ein gutes Essen. Ein warmes Bett und Schutz vor dem heranziehenden Gewitter. Am aller wichtigsten sind aber die Menschen. Das Gefühl willkommen zu sein. Und für einen Abend ein Teil dieses besonderen Abenteuers zu sein.

Es wird nicht langweilig.

An diesem Nachmittag ist viel geboten. Die dunklen Wolken haben sich inzwischen weit hinten Richtung Sportgastein zu einer dunklen Front zusammen gebraut. Es blitzt und wir hören einen lauten, durchdringenden Donner. Auf der anderen Seite des Panoramas aber scheint noch die Sonne, man sieht stellenweise blauen Himmel durch bauschige Quellwolken. Und dann ein Regenbogen. Erst zaghaft, dann in voller Größe. Von der einen Seite des Tals, bis in die andere. Fassungslos stehen alle draußen und bewundern das Spektakel.

Der Aufregung nicht genug. Ein Gleitschirmflieger ist bei einem Landeanflug am Hang umgeknickt und kann nicht mehr laufen. Das Stück zur Hütte wird er vom Kollegen getragen. Doch von hier ist für ihn nicht an einen Abstieg zu denken. Also kommt zu unser aller Begeisterung der Heli und bringt ihn ins Tal. Bevor er aber abgeholt wird, kommen immer mehr Locals den Berg hoch. Man kennt sich. Die Stimmung ist gut. Offensichtlich hat er seinen Fliegerclub nach oben bestellt, denn kurze Zeit später starten die Kollegen direkt vor der Hütte und fliegen in den Sonnenuntergang. Zurück bleiben die Übernachtungsgäste, die sich inzwischen auf einen frischen Schweinebraten freuen

Kurze Nacht und früh am Morgen.

Gerade weil die Hütte so klein ist, rücken alle näher zusammen. Am Ende des Abends kennt man sich. Wir unterhalten uns, lachen, trinken Schnaps. Es wird Louping Louis gespielt und eine schlüpfrige Variante von Activity. Nachdem niemand am nächsten Tag zum Matterhorn aufbrechen muss, wird die Hüttenruhe weit bis in die Nacht verlegt.

Zum Sonnenaufgang sind alle wieder auf den Beinen. Es ist noch kalt. Ehrfürchtig stehen wir draußen und warten bis sich der rote Ball endgültig hinter den Gipfeln hochgekämpft hat. Im einen Moment lachen wir noch über die Witze von gestern Abend, dann wieder ist es still und ich meine alle genießen einen weiteren besonderen Moment.

Grasberg mit Ausblick.

Für den Rückweg wähle ich die lange Route über Frauenkogel und Schmalzscharte. Ich denke an Schottland, an Highlands, die ich zwar nie gesehen habe, sie mir aber so vorstelle. Auf schmalem Pfad geht es immer weiter über den Grat, mit tief hängenden Wolken in alle Richtungen. Immer wieder öffnet sich der Blick auf weitere Gipfel. Obwohl ich über 2000 Meter bin, wirken die Hänge sanft und hügelig. Das Heidekraut schimmert lila und aus der Ferne sehe ich einen Steinbock.

So verstehe ich auch langsam warum der Gamskarkogel “Europas höchster Gradberg” genannt wird. Keine Klettereien oder schroffe Felsabbrüche. Dafür aber sind die Wege abwechslungsreich und bieten außergewöhnliche Ausblicke. Steile Serpentinen wechseln sich ab mit grasigen Hängen, dunkles Schiefergestein zwischen buschig bewachsenen Flanken. Unten geprägt von Lärchen und Kiefern, weiter oben sehe ich Heidekraut, Preiselbeeren und Rittersporn.

Rauf und runter.

Es gibt mehrere Auf- und Abstiege auf die Gamskarkogelhütte. Man kann sie wunderbar zu einer Runde verbinden. Dann hat man noch mehr Abwechslung. Natürlich ist der Weg zurück zum Ausgangspunkt dann etwas weiter, in meinem Fall jedoch auch recht unterhaltsam.

Ich habe kombiniert: die Route hinauf über das Kötschachtal, an der Poserhöhe vorbei. Diese wird mit 4h veranschlagt. Ich habe 3 Stunden gebraucht, wobei ich auch von Gottfried höre, dass die Angaben sehr großzügig bemessen sind – einerseits für die realistische Einschätzung, andererseits auch für die Motivation. Ja, auch ich freue mich über den vermeintlich schnellen Aufstieg.

Der Abstieg in der Verlängerung über Frauenkogel und Schmalzscharte. Unten erreicht man über die Rastötzenalm und das Annencafe Bad Hofgastein. Von hier führt der Gasteiner Höhenweg in guten 1,5 Stunden zurück ins Kötschachtal.