5 Sekunden oben ohne: Freiheit oder Affront?

Das ungewohnt warme Wetter hat uns noch einige schöne Bergtage beschert. Anstatt jetzt zum Jahresende über gute Vorsätze zu schreiben, machen wir uns Gedanken über ein Phänomen, das sehr kontrovers gesehen werden kann. Aus aktuellem Anlass: Umziehen, ausziehen, Katzenwäsche vor Publikum – persönliche Freiheit oder gesellschaftlicher Affront?

Nasse Wäsche überall

Ein typisches Bild: kaum sind wir am Gipfel angekommen, werden schnell die nassen Klamotten ausgezogen, und ein frisches, trockenes Shirt schützt uns vor lästigen Verkühlungen. Die nassen Sachen werden während der Gipfelrast in die Sonne gehängt und mit etwas Glück sind sie später wieder trocken. Gleiches Bild bietet sich auf Hütten. Nicht immer ist ein Waschraum zum Umziehen verfügbar. Die Privatsphäre beschränkt sich auf den kissenbreiten Streifen Matratze im Lager. Nasse Sachen werden kunstvoll an allen Balken drapiert, die Haken werden zu liebevoll umkämpften Revieren. Ob da Unterhosen hängen, BHs oder nasse Socken spielt keine Rolle.

Ordnungsamt oder Ohlala?

Ohne Scham schlüpfen wir aus unseren Kleidern. Für die Herren vielleicht noch normal, aber wir Mädchen stehen sonst selten im BH vor versammelter Mannschaft. Manches Verhalten würde gar das Ordnungsamt aufmerksam werden lassen oder zumindest entsetzte Blicke provozieren. Auf dem Berg allerdings scheint das Niemanden zu stören. Keiner macht blöde Kommentare, niemand riskiert einen Blick zu viel.

Behaarte Bäuche

So zumindest die Theorie. Wir erinnern uns an eine Übernachtung im Lager des Rotwandhauses vor vielen Jahren. Zehn übergewichtige, transpirierende Herren in Unterhosen erwarten uns laut parlierend im engen Lager. Wir kassieren derbe Sprüche und Blicken auf behaarte Bäuche. Fühlen wir uns durch den Anblick belästigt, nur weil die Herren keinem Schönheitsideal entsprechen? Wir bleiben kritisch.

Hilfe, ich bin blind

Geht auch andersrum: Immer wieder bekomme ich von meinem guten Freund Veit eine Geschichte zu hören, die in meiner Erinnerung eine ganz Andere ist. “Und dann hat sie sich mitten im Lager komplett ausgezogen” – man muss dazu sagen, dass es stundenlang in Strömen geregnet hatte und wir bis auf die Unterwäsche durchnässt waren. UND: ich habe mich nicht KOMPLETT ausgezogen. Mit dem Rücken zum Raum und superschnell, dass es jaaaaa niemanden stört. Auch wenn mir nicht klar ist, ob es eine positive oder negative Erinnerung ist, so hat sie doch bleibenden Eindruck hinterlassen.

Gleiches Recht für alle

Wir haben uns noch nie wirklich Gedanken darüber gemacht. Nie jemanden gefragt, ob es ihm vielleicht unangenehm ist. Wir wurden aber auch noch nie gefragt. Gilt hier gleiches Recht für alle oder werden doch Grenzen überschritten? Ist die Emanzipation schon so weit? Oder wird die Freizügigkeit sogar hier und da ausgenutzt?

Bisher ist unsere Erfahrung in den Bergen eine Gute. Es gibt andere Regeln. Es scheint ein ungeschriebenes Gesetz über Diskretion und gegenseitige Rücksichtnahme zu herrschen. Männer und Frauen schlafen in engen Lagern zusammen, teilen manchmal sogar die gleichen Waschräume. Woanders undenkbar. Für uns eigentlich normal.

Werden wir uns dessen aber bewusst, sind wir dankbar und froh darüber, dass Menschen durch eine gemeinsame Leidenschaft ein bisschen zusammenrücken können. Dass über manches hinweg gesehen und im richtigen Moment weggeschaut wird. Bravo ihr Bergverrückten und Gipfelstürmer!

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