Erste Hilfe am Berg

Jetzt mal Hand aufs Herz, wie lange ist euer letzter Erste Hilfe Kurs her? Bei mir waren es 17 Jahre. Zum Führerschein eben. Auch wenn eine Herz-Lungen-Wiederbelebung sehr selten nötig ist, so gibt es doch gerade im alpinen Bereich zahlreiche Situationen, wo ein bisschen Sachverstand einen großen Unterschied machen kann. Umknicken, Abrutschen, Hitzschlag, Unterzucker. Am Berg ist alles gleich noch viel gefährlicher.

Genau für diese Situationen bietet der DAV in Zusammenarbeit mit dem Alpinen Rettungsdienst Kurse an. Wir waren zwei Tage lang am Spitzingsee und haben Theorie gebüffelt, Material kennen gelernt und vor allem ganz viel praktisch geübt.

Ist ein Arzt an Bord?

„Ist ein Arzt an Bord?“ Wir alle haben diese Frage zumindest im Film schon mal gehört. Leider ist dem nicht immer so. Besonders am Berg ist oft die Hilfe andere Wanderer gefragt. Um ehrlich zu sein, bisher habe ich den Gedanken, in so eine Situation zu kommen, verdrängt. Es wird schon jemand dabei sein, der sich auskennt, naja und die stabile Seitenlage werde ich ja noch hinbekommen…

Ist man aber tatsächlich in dieser Situation – und wenn es nur eine Übung ist – wird schnell klar, dass hier große Wissenslücken bestehen. Was tue ich im Notfall? Wie erkenne ich überhaupt einen Notfall? Und was muss ich dabei haben, um sinnvoll reagieren zu können? Wir starten mit der Theorie. Im Kurs sind sieben weitere Teilnehmer. Wanderer, Bergsteiger, Mountainbiker. Marcell, der Kursleiter macht die Thematik anschaulich, garniert seinen Unterrichtsstoff mit persönlichen Anekdoten aus dem Bergrettungsdienst und lässt kein Detail aus.

Der Notfall Algorithmus

Ich denke zuerst an Mathe und mein Hirn verweigert pauschal die Aufnahme. Ich höre von Gefahrenstellen, vom Anfassen und Ansprechen, von Bewusstlosigkeit und Wundversorgung. Die Begriffe reihen sich in einem endlosen ToDo aneinander. Schaut man aber genauer hin, ergibt alles einen Sinn. Und vor allem gibt es einem die Möglichkeit, eine Art Fahrplan zu befolgen und nicht über jeden einzelnen Schritt nachdenken zu müssen. Es geht darum, im Notfall schnell reagieren zu können. Es wird aufgeräumt, mit gängigen Mythen (nein, man braucht keinen Spiegel zur Athemkontrolle). Und korrigiert, was sich vielleicht festgesetzt hat (nein, steril ist nicht das oberste Ziel).

Was tue ich, wenn ich einen Unfall oder eine verletzt Person sehe. Wann rufe ich die Bergrettung. Wie verbinde ich Wunden. Wie kann ich mich selbst schützen. Was sind Symptome für typische Erkrankungen oder Verletzungen. Der Unterricht deckt wahrscheinlich nur einen Bruchteil ab, von dem, was wirklich passieren kann. Aber allein diese Fakten sind gut zu wissen und geben mir das Gefühl ein bisschen besser vorbereitet zu sein.

Ich kann euch leider den Algorithmus hier nicht wieder geben. Nicht, weil ich ihn nicht verinnerlich hätte. Aber bin sicherlich nicht in der Position hier tatsächliche Anleitung zu geben. Ich kann nur jedem raten, sich mit der Thematik zu befassen!

Ah ah ah ah … staying alive, staying alive

Jetzt wird es ernst. Hans, die Wiederbelebungspuppe wird ausgepackt. Wie war das noch? Irgendwo überhalb des Rippenbogens? Es wird diskutiert, ob bekannte Musiktitel den richtigen Rhythmus vorgeben. Beegees oder Rammstein? Nein, es gibt eine klare Ansage. 30 zu 2. Dreißig mal pressen. Zwei mal beatmen. Kurz und heftig. Schneller als gedacht. Es können Rippen brechen. Jeder muss mal ran. Und es ist erstaunlich, wie leicht sich ein Brustkorb eindrücken lässt. Natürlich üben wir an der Puppe, aber diese simuliert ja die realen Verhältnisse.

Jetzt wird’s richtig ernst. Aus diversen Arzt Serien kennen wir den Defibrillator. Zwei Pads, Gel drauf, aneinander reiben, weg vom Patienten, zack, hüpf, piep piep, schon ist wieder eine Linie zu sehen. Ganz so ist es aber nicht. Inzwischen gibt es in vielen öffentlichen Gebäuden und in Zügen Defibrillatoren. Diese sind oft mit einem Notruf verknüpft, so dass kein Unfug gemacht werden kann. Kleine orangene Boxen, deren Inhalt mir auch noch nicht vertraut war.

Die Lautsprecherstimme im Gerät leitet uns Schritt für Schritt an. Langsam spricht die Stimme. Die Aufregung in einem solchen Moment macht einen wahrscheinlich auch langsam im Kopf. Kleber an die richtige Stelle. Zurücktreten. Weiter mit der Herzdruckmassage.

Erste Hilfe Packerl

Zeigt her eure Packerl! Es sollte eigentlich immer mit im Rucksack sein. Aber wann hat man das letzte Mal rein geschaut? Von großen Paketen bis hin zu kleinen Täschchen ist alles dabei. Aber der Inhalt zählt. Für welche Art von Verletzung bin ich wie ausgestattet? Was muss drin sein in einem Erste Hilfe Set? Und was nicht?

Ich habe zwei Sets von Tatonka dabei. Ein kleines Basic. Und ein großes Complete. Gewicht und Volumen unterscheiden sich deutlich. Der Inhalt auch. Wir schauen uns das große etwas genauer an und vergleichen mit der Liste und Empfehlung des Ausbilders.

Inhalt Erste Hilfe Set von Tatonka:

Hansaplast Wundpflaster
Verbandtuch
Fixierpflaster
Wundkompresse
Alkohol-Tupfer
Verbandschere
Splitter Pinzette
Rettungsdecke
Handschuhe
Sporttape
Dreieckstuch
Verbandpäckchen groß
Verbandpäckchen mittel

Dazu noch ein illustriertes Faltblatt zu alpinen Notsituationen, das mit Belustigung genauer betrachtet wird. Design und Fotos sind nicht ganz zeitgemäß, aber es geht ja im den Inhalt. Teilweise werden die Abläufe anders beschrieben. Aber im Großen und Ganzen macht das alles Sinn. Von Tatonka gibt es eine ganze Reihe Erste Hilfe Sets in verschiedenen Größen. Mir hat es wirklich geholfen, mal genauer rein zu schauen, was da eigentlich drin ist. Das sollte durchaus die Kaufentscheidung beeinflussen. Mit drei Pflastern und einer Kompresse kommt man einfach nicht weit.

Wir stellen fest, dass man für manche Verletzungen tatsächlich noch mehr Material braucht. Ist man länger unterwegs oder mit einer größeren Gruppe, empfiehlt es sich auch entsprechend mehr Verbandsmaterial dabei zu haben. Meine persönliche Neuentdeckung ist der SAM SPLINT. Eine Schiene, die man wunderbar an den Körper modellieren kann. Für Knochenbrüche oder Bänderrisse. Dabei ist die Schiene leicht und wiederverwendbar. Irgendwo finde ich dafür schon noch Platz im Rucksack.

Ein weiteres Thema sind Medikamente. Der Kursleiter spricht sehr deutlich an, dass Medikamente auf keinen Fall zu einer Notfall-Versorgung gehören. Es ist gesetzlich verboten irgendwem irgendwas zu geben. Selbst „hast du mal eben eine Aspirin“ kann einen in Teufelsküche bringen – wenn was passiert. Allergische Reaktionen, Nebenwirkungen oder gar Wechselwirkungen mit andere Medikamenten machen das Thema so gefährlich und können eine Notfallsituation noch verschärfen.

Natürlich muss jeder für sich selbst entscheiden. Wenn ich drei Wochen in Norwegen zum Trekken gehe, möchte ich nicht auf Ibuprofen oder ein Durchfallmittel verzichten. Eine kleine Reiseapotheke (zum Eigengebraucht) gehört bei mir also mit dazu.

McGyver meets Indiana Jones

Neben Verbandtechniken und Wiederbelegungsmaßnahmen gibt es ein weiteres wichtiges Thema. Wie transportiere ich jemanden den Berg runter oder zur nächsten Hütte, zum Heli Landeplatz? Es ist ja nicht immer vom Schlimmsten auszugehen, aber gerade in Gebirge sind die Wege schwierig. Da kann ein verstauchter Knöchel schon zum echten Problem werden.

Jetzt wird gebastelt! Man glaubt es kaum, aber man hat allerlei Zeug dabei, was einem helfen kann. Stöcke. Biwaksack. Aber auch Dreieckstuch und Rettungsdecke können zweckentfremdet werden. Wir bauen eine Trage aus Biwacksack und Stöcken. Einen Tragest aus Dreieckstuch. Wir üben das Huckepack Tragen eines Verletzten mit Hilfe der Stöcke. Und lernen allerlei Tricks wie man einen Versetzten möglichst einfach und sicher bewegen kann.

Hey, da liegt ja einer

So viel zur Theorie. Alles verstanden. Klingt logisch. Aber wie verhält man sich tatsächlich in einer solchen Situation? Unter Stress. Ohne Telefonjoker. Der Vorteil an diesem Kurs ist tatsächlich, dass genug Zeit zum üben ist. Wir bewegen uns im Gelände, laufen Wanderwege auf und ab, um den Spitzingsee, über Wiese und Weide. Jeder muss mal ran. Unser Ausbildungsleiter brieft jeweils einen Verletzten und positioniert ihn an einschlägiger Stelle. Offensichtliche Verletzungen werden mit Kunstblut angedeutet. Die Schauspielerischen Fähigkeiten der Teilnehmer machen die Übung komplett.

Und jetzt gehts los: Die Gruppe läuft ahnungslos am Weg. Aus der Entfernung sieht man jemanden im Hang liegen. Jetzt ist der Algorithmus gefragt. Situation einschätzen. Komme ich da überhaupt hoch? Besteht Steinschlag Gefahr? Dann Ansprechen. Anfassen. Ist der Patient bei Bewusstsein? Ich sehe Blut an der Stirn. Schnell wird klar, wer diesen Einsatz leitet. Einer muss die Führung übernehmen und Aufgaben delegieren. Sonst entsteht Chaos. Und der Patient ist verwirrt. Die realen Übungen machen schnell klar, dass einem pure Theorie allein nichts hilft. Es ist Spontanität gefragt und Entscheidungsfreudigkeit. Oft weiss man auch nicht weiter und schätzt die Situation falsch ein. Zack, Patient ist Ohnmächtig geworden. Mist irgendwas übersehen. Wir üben Schlaganfälle, Knochenbrüche, Unterzucker, Rückenverletzungen, Herzinfarkte, akuten Bauch, Schlangenbisse… und immer geht es darum die Zeit bis zum Eintreffen des Rettungsdienstes zu überbrücken. Der Kurs macht einen ja nicht zum Arzt oder Wunderheiler.

Nach jeder Übung gibt es Feedback. Was hätte man sehen müssen, worauf ist zu achten. Dieser Teil ist besonders wertvoll. An den eigenen Fehlern zu lernen – beim nächsten Mal weiss Mans dann hoffenltich. Im Ernstfall gibt es kein Nachfragen, kein Kichern beim Bodycheck, kein Feedback. Nur hoffentlich eine gut überstandene Situation.

Am Berg muss man mit dem Tod leben

Man kann sich eine Notsituation nicht aussuchen. Man kann ihr nicht entgehen oder sie vermeiden. Wegschauen? Ausweichen? Nein. Das sollte niemand von uns akzeptieren. Gerade am Berg. Dreht man die Situation um, wäre jeder froh um das kleinste bisschen Hilfe. Marcel bemerkt ganz richtig: „Am Berg muss man mit dem Tod leben“. Harte Worte. Aber irgendwie auch richtig. Wir können noch so trainiert sein, geübt und abgesichtert. Ein Restrisiko besteht immer. Und wenn wir noch so gut auf uns selbst aufpassen, so wissen wir nicht, was andere Leute machen. Für genau diese Situationen sollten wir halbwegs vorbereitet sein. Uns selbst vertrauen können und daran glauben, etwas tun zu können.

Ich kann einen solchen Kurs nur jedem ans Herz legen. Mich hat der Kurs aufmerksam gemacht. Jetzt weiss ich, was ich alles nicht weiss. Aber ich habe weniger Angst davor, in eine blöde Situation zu kommen und nicht weiter zu wissen. Weil ich weiss, dass ich irgendwas tun kann. Und wenn es nur ist, ein Pflaster mit einem beruhigenden Wort an die richtige Stelle zu kleben.

Weitere Informationen zu Kursen gibt es direkt über den Alpinen Rettungsdienst:
Alpiner Rettungsdienst

Macht, wie ich, den Kurs direkt über den DAV:
DAV München Oberland