Epische Momente am Piz Boe

Die Etappe von Grödner Joch zum Rifugio Boe führt uns über den offiziell höchsten Punkt der München-Venedig Tour. Mit 2962 Metern auf dem Sella Stock verfehlen wir knapp die dreitausender Marke. Dies allerdings werden wir mit der Besteigung des Piz Boe (3152) am folgenden Tag nachholen. Dafür ist die Tour heute entspannend kurz. Mit nur fünf Stunden Gehzeit, bleibt uns die nötige Energie für einige kleine Klettersteige, Schneefelder und die fortgeschrittene Höhe.

Die Dolomiten präsentieren sich in ihrer ganzen Schönheit. Früh morgens scheint die Sonne ungetrübt. Nach ausgiebigem Frühstück im Hotel am Grödner Joch sind wir kurze Zeit später bereits mitten im steilen Schuttaufstieg durch den gigantischen Nordabsturz des Sella-Massivs zum ersten Plateau. Wir wundern uns über manche Gruppen, die sich in Hotpants, Handtasche und mit offensichtlich wenig Erfahrung durch den steilen Aufstieg quälen. Auch die Schneefelder und der Klettersteig sind offensichtlich kein weiterer Grund sich Gedanken zu machen.

Beim Rifugio Pisciadu angekommen tauchen wir für kurze Zeit in eine andere Welt ein. Malerisch liegt es zwischen riesigen Felsen gelegen, an einem kleinen See auf 2587 Meter. Hier herrscht geschäftiges Treiben. Kletterer, Bergsteiger und Ausflügler tummeln sich auf der sonnigen Terrasse des Rifugio. Wir hören es Italienisch, Englisch und Deutsch brabbeln, sehen bunte Kletterkamotten, nackte Oberkörper und alle Arten von Sicherungsmetall. Es fühlt sich ein bisschen an, wie ich es mir in den 80ger vorstelle.

Von hier aus geht es erneut auf schmalem Schotterpfad steil hinauf durch die Westflanke des Cima Pisciadu bis zu einem weiteren versicherten Steig. Anschließend durch Schneefelder und schroffe Felsen bis zu besagtem höchsten Punkt auf der Tour. Dieser ist nicht auf einem Gipfel, sondern führt über die Kammlinie eines Hochflächenrandes! das an eine Mondlandschaft erinnert. Rings herum sieht man Dolomitengipfel unter anderem eben auch den Piz Boe, der zu unserem tatsächlich höchsten Punkt werden soll.

Das Rifugio Boe liegt ein kurzes Stück später auf 2873 Metern. Durch die Nähe einer Gondel ist hier tagsüber viel los. Wir vertreiben uns die Zeit mit Cappuchino, Kuchen und ich muss Kanaster spielen lernen. Wir hatten eine großartigen Tag und beste Aussichten. Wie so oft aber zieht auch heute am späten Nachmittag das Wetter zu und hüllt uns in dichten Nebel.

Um sechs treibt es uns den unbequemen Betten. Es hat über Nacht doch noch aufgeklart und unser Plan, noch vor dem Frühstück die gut 300 Höhenmeter auf den Gipfel zu steigen, erfordert etwas Disziplin. Routiniert schälen wir uns in die Funktionsklamotten und machen uns nur mit Kamera bewaffnet auf den Weg. Wir sind nach drei Wochen in den Bergen ganz gut an die Höhe gewöhnt, Christoph aber schnauft ein bisschen.

Was uns oben erwartet kenne ich nur aus Büchern. Der Gipfel des Piz Boe liegt deutlich über der Wolkengrenze. Von unten schmiegen sich einzelne Nebelfelder an die Gesteinsflanken und ziehen langsam nach oben. Die ersten Sonnenstrahlen kämpfen sich über die weißen Wolken-Wattebäuschchen und lassen zwischendrin die höchsten der Gipfel im Gegenlicht funkeln. Im Windschatten des Rifugio Capanna Fassa, das direkt auf dem Gipfel steht, staunen wir stumm. Der unwirkliche Moment wird durch das Flötenspiel eines Italieners zum epischen Ereignis.

(barb)

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