Einsichten und Erkenntnisse

Nun sind wir bereits seit zwei Wochen wieder in der Zivilisation zurück. Der Alltag hat uns ein bisschen eingeholt und wir blicken sehnsüchtig auf unser Abenteuer zurück. Nun ist die Wiedereingliederung in die Gesellschaft nach fünf Wochen kein Ding der Unmöglichkeit. Aber ein bisschen haben sich die Dinge verändert. Was haben wir gelernt?

SELBST VERTRAUEN

Wir haben gelernt, uns auf uns selbst zu verlassen. Sowohl auf den Körper, als auch auf den Rest. Situationen einschätzen, Entscheidungen treffen und Konsequenzen tragen – wir sind groß und selbst verantwortlich. Wir passen auf uns auf und (er)warten nicht, dass es jemand anderes tut. Es gibt keinen Bergführer, Partner oder Gruppenleiter, der voran schreitet, den Weg weist oder sich zuständig fühlt. Auch keinen vermeintlich stärkeren (meist männlichen) Begleiter, dem wir Mädchen ach so gerne (wenn auch unbewusst) die Verantwortung übertragen. So mussten wir ganz oft unsere eigene Rettung sein. Und siehe da: das geht gut. Und fühlt sich gut an.

DER KLEINE KLEIDERSCHRANK

Wenn sich das Hab und Gut für fünf Wochen lang auf den Inhalt eines Rucksacks beschränkt, wird man achtsam. Jedes einzelne Teil bekommt einen besonderen Wert, muss aber auch funktionieren, eine bestimmte Rolle im System erfüllen. Ist das System gut durchdacht und aufeinander abgestimmt, geht einem fast nichts ab. Ohne unnötige Gedanken, Energie oder Zeit zu verschwenden, schlüpft man morgens in die eine Hose, zieht das eine Shirt an, die eine Jacke, Schuhe, Rucksack, fertig, los. Wir Mädchen sind da ja sonst nicht immer ganz so einfach. Wir verfügen über einen riesigen Kleiderschrank, unzählige Accessoires, etliche Paar Schuhe – und haben trotzdem das Gefühl, nichts zum Anziehen zu haben.

Was haben wir daraus gelernt? Vielleicht bedarf der Kleiderschrank einer neuen, aber strafferen Ordnung. Weniger Dinge. Weniger Möglichkeiten. Dafür aber besser aufeinander abgestimmt. Wir sparen Zeit. Energie. Und die lästigen Gedanken darüber, ob nun Hose zu Shirt, Schal zu Schuhen, Ohrring zum Gürtel oder Jacke zu Tasche passt.

MAN KANN, WENN MAN MUSS

Wenn man in München losläuft hat man zwar Venedig als Ziel, man ist sich aber nicht 100% sicher, ob man auch dort ankommt. Immer wieder hört man Geschichten von Wanderern, die abbrechen müssen. Blutig gelaufene Füße, Überanstrengung, Krankheit, Verletzungen oder gar noch schlimmer. Es kann so viel passieren. Es wäre vermessen zu meinen, man wäre davor gefeit.

Besonders der eigene Körper ist eine schwer zu kalkulierende Masse. Man bereitet sich irgendwie vor, kennt die eigenen Stärken und Schwächen. Aber ist das genug? Haben wir uns überschätzt? Wann fangen die Probleme an?

Grundsätzlich ist so ein Körper wesentlich robuster als ursprünglich gedacht. Wenn er muss, dann kann der auch. Viele Ängste waren unnötig. Hat man einmal die ersten zwei Tage in der Ebene überstanden, gewöhnt sich der Körper überraschend schnell an die Belastung. Der Rucksack scheint nichts mehr zu wiegen. Die Oberschenkel freuen sich über jeden Höhenmeter. Das Knie plötzlich schmerzfrei. Wetter, Hygiene, Sozialphobie. Alles kein Problem. Nur das Gemüse hat immer gefehlt.

ES BRAUCHT NICHT VIEL

… um glücklich zu sein: ein Körper der mitspielt, einen sauberen & trockenen Schlafplatz, Pasta und einen Freund/-in, auf den/die man sich verlassen kann. Hin und wieder auch mal gutes Wetter. Der Rest wird, je länger man unterwegs ist, unwichtig. Wir waren nur fünf Wochen weg und dennoch haben wir einen Vorgeschmack bekommen, was es heißt sich zu reduzieren und wie heilsam das sein kann.  Wir sind sehr froh, diese Erfahrung gemacht haben zu können.

ITALIENISCH FÜR ANFÄNGER

Wir sind es gewohnt, uns mit Englisch oder sogar Deutsch im europäischen Ausland verständigen zu können. So aber nicht auf einigen Fernwanderweg-Etappen in Italien. Wir sind überrascht, aber auch angetan. Alles scheint etwas ursprünglicher, weniger touristisch und vielleicht auch ehrlicher. Zusammengewürfelte Sätze aus dem Deutsch-Italienisch Wanderwörterbuch, gelernte Phrasen aus dem Schulunterricht (im letzten Hinterstübchen vergraben, aber zumindest abrufbar), als auch Hände und Füße übernehmen die Kommunikation. Ganze, schöne Sätze zu bilden wäre aber doch irgendwie besser. Wir werden es lernen: Italienisch. Und dann Pizza beim Italiener in München bestellen und merken, dass der Kellner nur Deutsch kann. Das wird ein Spaß.

DER FRÜHE VOGEL

Ein Teil der Redaktion hat damit kein Problem, ja liebt es sogar früh morgens aus den Federn zu hüpfen und um 7 Uhr bereits alles für den Tag erledigt zu haben. Nicht jedoch der andere Teil, der zwar kein übertriebener Langschläfer ist, dem das frühe Aufstehen jedoch einiges an Überwindung kostet. Am Berg wird es einem jedoch leicht gemacht – im positiven als auch negativem Sinn: kratzige Pferdedecken, Schnarcher im Lager und durchhängende Matratzen oder auch ein klarer Morgen und die Freude auf die Bergetappe, lassen Müdigkeit schnell verschwinden. Vor den Menschenkarawanen am Gipfel zu sein, DAS ist großartig und macht das Aufstehen kinderleicht.

WETTER IST RELATIV

Jeder Bergsteiger ist schon mal in den Regen gekommen. Wir haben super Hightech GoreTex Bekleidung und sind für Springfluten gewappnet. Haben wir sonst eine Wochenendtour geplant, war der Wetterbericht trotzdem eine entscheidende Größe. Im Zweifel gegen den Angeklagten. ‘Ja, es könnte ja, und ach, ich hab keine Lust nass zu werden, nee, das is mir zu ungemütlich, und gefährlich wird’s ja dann auch.’ Und so haben wir über Jahre hinweg die Alpen meist bei Sonnenschein und Panoramasicht genießen können.

Auf einer Tour wie dieser, gibt es keine Diskussion. Der Wetterbericht wird lediglich zum Stylingberater und nur im allergrößten Extremfall zum Entscheider über die Durchführung einer Tour. Die Funktionsklamotten ganz oben im Rucksack, alles wasserdicht verpackt, Regenschirm griffbereit, komme was wolle, wir sind vorbereitet. Was im erstem Moment etwas Überwindung kostet, hat uns rückblickend sehr bereichert. Wir haben die Berge ganz neu kennen gelernt. Rosa Puschel-Quellwolken. Der Regenbogen nach der Sintflut. Nebelschwaden im Talgrund. Und auch das überstandene Gewitter. Bei stabilem Hochdruckwetter undenkbar.

Was haben wir daraus gelernt? Auch ein Schlechtwettertag hat seine Reize und kann einem ganz unverhofft zauberhafte Momente schenken. Also, auf ein bisschen mehr Zuversicht bei der Wetterreinschätzung!

SCHREIBEN MACHT GLÜCKLICH

Es bestand die Sorge, dass dieser Blog uns vom Wesentlichen abhält. Eine solche Reise soll der Einkehr dienen, und nicht der Suche nach Empfang. Der Moment soll erlebt und nicht durch unzählige Fotos festgehalten werden. Die Abende sollten der Entspannung dienen und nicht der Dokumentation. Und doch haben wir uns bewusst dieser Herausforderung gestellt.

Was sich anfangs wie eine Pflichtübung anfühlte, wurde schnell zu einer Leidenschaft. Das Schreiben – für uns beide neu – macht unglaublich Freue. Zudem hilft es ungemein dabei, die eigenen Erlebnisse zu verarbeiten und für die eigene Erinnerung greifbar zu machen. Das Fotografieren wurde zu einer kreativen Ausdrucksform, die den Geist angenehm herausgefordert. Gleichzeitig war der Blog immer ein wunderbares Thema. Ob mit Hüttenwirten, Wandergefährten oder Einheimischen – man kommt gut ins Gespräch. Besonders kostbar aber waren die vielen Reaktionen. Damit hatten mit am wenigsten gerechnet. Doch so war es Ansporn, Ehre, Trost und Belohnung zu sehen, dass gelesen wird, geschaut, geliked, geteilt, verlinkt, kommentiert und empfohlen. Danke dafür!

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