Ein neuer Sport – In fünf Phasen zum Rennrad

Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne … Da macht man schon allerlei Sportarten winters, wie sommers, und doch packt es einen manchmal und man muss etwas neues ausprobieren. Lernen. Eine neue Welt entdecken. An sich wachsen. Sich mit kindlicher Freude in ein neues Thema stürzen und als blutiger Anfänger alle Fehler machen, die der Sport für einen bereit hält. Nicht, dass man mehr Zeit hätte oder die anderen Themen fad geworden wären – vielleicht ist es der natürliche Drang sich weiter zu entwickeln.

In fünf Phasen zum Rennrad.

Phase 1: Das Gefühl

Es begann mit dem Weg zur Arbeit. Ich fahre seit Jahren ein Cilo Swiss Rennrad aus den 70gern. Jeden Tag begleitet mich das Rad einige Kilometer an der Isar entlang und durch die Stadt. Ich fahre gern und genieße die direkte Übersetzung. Ich bin schnell, wendig und fühle mich leicht. Dieses Fahrgefühl vermisse ich, wenn ich an die vielen Touren mit dem Mountainbike denke. Zwar gefedert, aber eben auch behäbig. Schwer. Die Aggressivität des Materials macht mich nachdenklich.

Phase 2: Die Beobachtung

Der Münchner Süden ist idealer Ausgangspunkt für die schönsten Beschäftigungen. Ob zum Laufen, Spazieren oder Mountainbike – der Kiosk an der Brücke beliebter Treffpunkt. Auch zum Rennrad fahren. Es beginnt mit der Beobachtung. Mein Blick bleibt immer wieder hängen. Die schlichte, klassische Optik der Räder. Die elegante Bauweise. Minimalistisch. Klare Linien. Die körperbetonte Kleidung der Fahrer. Die souveräne Lässigkeit, mit der sie dem Straßenverkehr trotzen. Eine Ästhetik, die mich fasziniert. Ich beginne Rennradfahrer „abzuchecken“.

Phase 3: Die Recherche

Die Vorstellung mir mal einfach so ein Rennrad zu kaufen wird schnell von der Realität zerstört. Ich versinke Fachbegriffen, kenne keine Marken, und hab überhaupt keine Ahnung von Komponenten. Ich weiss nicht, was ich überhaupt brauche. Und noch viel schlimmer: ich weiss überhaupt nicht, was ich will. Rennen fahren, ernsthaft? Mal Gelände oder immer Asphalt? Geht es um Zeit? Oder Strecke? Will ich Berge fahren oder in der Ebene? Ich beginne zu lesen. Leute zu fragen. In Geschäfte zu gehen. Ich habe Dates, die einzig darauf abzielen, der Materie näher zu kommen.

Phase 4: Die Krise

Ich bin überfordert. Nach einigen Wochen des „ich kauf mir jetzt ein Rennrad“ bin ich immer noch nicht weiter. Es geht um viel Geld und ich habe das Gefühl jede Kaufentscheidung wird innerhalb von wenigen Monaten unsinnig erscheinen. Ist das alles eine gute Idee? Inzwischen ist es Herbst und eigentlich will doch jetzt eh niemand mehr fahren. Offensichtlich bin ich noch nicht bereit. Wir vertagen die Entscheidung und warten aufs Frühjahr. Zum Trost gehe ich shoppen, allerdings keine Räder, sondern ein knallenges Radl-Outfit.

Phase 5: Der Suff

Die Frustration der nicht getroffenen Entscheidungen macht mich mürbe. Eines Abends, in einer Mischung aus Frust und Übermut, dazu ein kleiner Gin Tonic … schon fällt alles leichter. Von der Euphorie der Promille getragen lasse ich mich hinreißen. Was ich vorher ausgeschlossen habe, holt mich jetzt doch ein. Ich kaufe online. Zu meiner Verteidigung: es war Sale. Ein Rad, auf dem ich nie gesessen bin. Focus Paralane (ein Endurance Bike, bissl bequemer als ein klassischer Racer). Schwarz (war klar). Carbon (ist leichter). Scheibenbremsen (emotionales Überbleibsel vom Mountainbike). Ultegra Ausstattung (ein bisschen was hab ich doch gelernt). Pinkes Lenkerband (das war definitiv der Alkohol). Alles wenig durchdacht. Aber eine Entscheidung. Halleluja!

Die Phase nach den Phasen

Zwei Wochen später wird mein Rennrad geliefert. Aufgeregt tanze ich um den großen Karton im Flur. Das ist der Beginn einer neuen Sportart, eines Zeitvertreibs, einer Leidenschaft.