Die Norweger: zwischen Klischee und Selbsterfahrung

Schön. Teuer. Unfreundlich. Alle blond. Bereits im Vorhinein haben mich einige Klischees über Land und Leute erreicht. Diese Berichte kann man vielleicht als Orientierungshilfe verstehen, doch ist es gerade spannend, sich ein eigenes Bild zu machen und das ein oder andere Vorurteil ins Umgekehrte aufzulösen.

Wikinger und Mountain Babes

Die Dichte an großen, blonden Männern mit Bart und Männerdutt ist auffällig groß. Nicht nur in der Stadt, sondern besonderen am Berg ist dieser Typ Mann mehr, als ein Klischee. Ob das nun Wikingerblut ist, oder einfach nur eine aktuelle Mode, ich weiß es nicht. Aber es ist schön anzuschauen, wenn auch manchmal etwas drüber (wenn dann auch noch der Norweger-Pulli dazu getragen wird!).

Das weibliche Äquivalent dazu nenne ich das Mountain-Babe. Bei uns kaum am Berg zu finden, bin ich hier überrascht so viele „heiße“ Outdoor-Frauen zu sehen. Dabei sage ich bewusst heiß, da es sich nur um eine bewusste Entscheidung und fast schon Provokation handeln kann. Junge, blonde Frauen, braun gebrannt, mit trainierten Beinen und superkurzen Hotpants, Tanktop und Flechtfrisur. Nicht unattraktiv, aber wäre garantiert ein Hingucker bei uns am Berg.

Introvertiert, aber OHOOO

Nun habe ich gelesen, dass die Norweger sehr zurückhaltend sind. In einer Hütte komme ich abends mit einer älteren Dame ins Gespräch, die genau das formuliert. Sie meint, es läge an der Größe des Landes und der dünnen Besiedelung. Die Norweger wären daher erstmal sehr vorsichtig, wenn sie auf andere Menschen treffen. Aber wie lernen sich die Norweger denn dann untereinander kennen? Wir hier denn gar nicht geflirtet?

Zumindest am Berg gibt es wohl eine einfache Methode. (Zuerst glaube ich an einen Scherz.) Grüne und rote Mützen. Grün heißt single, rot heißt vergeben. So einfach ist das. Am Weg sieht man so bereits von Weitem, ob da vielleicht was Interessantes dabei ist. Ähnlich der Dirndelschleife links oder rechts. Und beim Blick in den DNT Shop der Hütte finde ich genau diese Modelle…

Ich jedenfalls erlebe die Norweger als sehr freundliche Menschen, hilfsbereit und dann irgendwann auch gesprächsfreudig. Klar, es rennt niemand auf einen zu und drängt einem ein Gespräch auf. Keine amerikanische Oberflächlichkeit. Kein lovely und awesome. Aber auch keine Grantler. Geflirtet wird aber tatsächlich wenig. Vielleicht hätte eine grüne Mütze daran etwas geändert…

Früh übt sich

Ich bin begeistert von den Kindern hier. Auf den langen Trekking Etappen sieht man überall kleine, aber echt toughe Kids. Scheinbar selbstverständlich tragen sie einen eigenen Rucksack, schlafen im Zelt und halten locker bei den 20km Etappen mit. Ich habe kein einziges Kind weinen, quengeln oder schreien hören. Wenn ich daran denke, was bei uns am Berg teilweise los ist…

Aber wahrscheinlich ist das etwas, was die Eltern mitbringen. Hier ist man es gewohnt, raus zu gehen. Das Leben in und mit Natur wird von Kindesbeinen an gelebt und wird so zu etwas ganz natürlichem.

Bergans und Haglöfs statt Schöffel und Deuter

So natürlich, wie die Kinder die Berge erleben, so ist auch der Umgang der Menschen mit der Ausrüstung. Ich sehe auf der gesamten Tour kaum Menschen die – wie bei uns doch öfters – völlig falsch gekleidet sind. Der richtige Rucksack, die gute Funktionsbekleidung, der passende Schuh, und das über alle Altersstufen hinweg.

Was aber auffällt, ist, dass andere Marken getragen werden. Sieht man bei uns überwiegend Deuter Rucksäcke, sind es hier die skandinavischen Marken Bergans, und FjällRäven. Auch für wärmende Merino Unterwäsche gibt ein nordisches Pendant zu Icebraker. Auf meiner Tour sind es besonders die Marken Devold und KariTraa, die die Baselayer bilden. Devold, als sehr traditionelle Outdoor Marke, mit langer Firmen Historie und großer Merino Kompenz. KariTraa dagegen als sehr junge und stylishe Marke mit bunten Farben und auffällig figurbetonten Schnitten. (Besonders gern von oben erwähnten Mountain-Babes getragen.)

Die Funktions-Bekleidung ist oft von den ebenfalls skandinavischen Marken Haglöfs oder Norrøna. Wie schön, dass Haglöfs mich hier perfekt ausgerüstet hat. Mit wasserdichter Hardshell, isolierender Jacke und Regenhose bin ich rundum skandinavisch. Bald gibt es hier auch einen ausführlichen Bericht zum Langstreckentest in Norwegen.

Trocken in drei Wochen

Norwegen ist teuer. Ja, das hört man immer wieder. In der praktischen Anwendung aber erlebt man dennPreissprung teilweise als verstörend grotesk. Möchte man beispielsweise nach einer anstrengenden Tour ein belohnendes Bier auf der Terrasse der nächsten Hütte trinken, so zahlt man gerne 110 kr. Das sind knappe 12 Euro. Hat man die kurzfristige Schockstarre überwunden, versucht man dieses eine Bier sehr zu genießen und steigt dann vielleicht doch auf Wasser um.
Das gute daran: Man läuft nicht Gefahr, dass Hüttenabende eskalieren und man am nächsten Tag mit Kopfweh wandern muss.