Das Weissmies: Wenn das Herz auf Grundeis geht

Ich träume von Eisschrauben, vereisten Steilflanken und Gletscherspalten. “Wahrscheinlich müssen wir das Steilstück sichern. Da geht’s schon ordentlich runter.”, so unser Bergführer den Abend zuvor. Das Schweizer Raclette schmecke auf einmal nicht mehr ganz so gut, auf den Schnaps aufs Haus, den uns der Wirt jeden Abend ausgibt, wird verzichtet. Morgen geht es also auf das Weissmies auf 4.027 Meter.

Schweizer Pünktlichkeit

Abfahrt um 7:27 Uhr. Kurze Diskussion mit dem Post Auto Fahrer: Es wäre uns aufgefallen, dass der Bus immer zwei Minuten früher als im Plan vermerkt fahren würde. Entrüstung beim Schweizer Busfahrer, dass dies auf gar keinen Fall sein könnte….aber es sei bestimmt nicht verkehrt etwas früher da zu sein! Noch etwas schlaftrunken aber aufgeheitert vom Gespräch, steigen wir bei den Bergbahnen in Saas-Grund aus. Von dort befördern uns die Kabinen zügig über den Kreuzboden nach Hohsaas auf 3.200 Meter. Bergbahnhäuschen, die darunter liegende Sonnenterasse und der Gletscher liegen noch im Schatten. Wir sehen bereits die ersten Seilschaften, die wie kleine Ameisenstrassen den Gletscher nach oben laufen.

Fels und Eis

Einmal tief durchatmen und los. Unsere Gruppe setzt sich langsam Richtung Triftgletscher in Bewegung. Es geht gleich ordentlich zur Sache: ein verblockter Abschnitt raubt mir den Atmen. Zum Einen weil es steil nach oben geht, zum Anderen weil vermeintlich liebliche Steinblöcke sich als hintertückische Trittrutschen entpuppen. Zwischendrin blitzt nun das erste blanke Eis des Gletschers auf. Wir balancieren um tiefe dunkle Spalten herum und darüber, das Herz pumpt ordentlich. Halten die Steigeisen auch wirklich? Dort eine helfende Hand, hier ein Tipp – hätte man doch nur längere Beine! Aber die Seilschaft gibt Sicherheit und so passieren wir gemeinsam diese ersten Schlüsselstellen. Unter den Steigeisen ist nun wieder Schnee. Der Puls geht langsam nach unten.

Sonnenstrahlen erhellen das Gemüt

Die Sonne kommt heraus, der Himmel über uns hat sich blau verfärbt. Weiter geht es jetzt im weiten Bogen und dann zickzack Richtung Gipfel. Man geht nicht mehr, man trottet. Steil nach oben. Schon bald ist die Hardshell viel zu warm, gefühlte 90 Grad lassen die Sonnenbrille beschlagen. Aber es ist herrlich. Es knirscht unter den Steigeisen, die Bewegungsabläufe mit Pickel, Seil und Füsse umsetzen haben sich eingespielt. Wir genießen die Tiefblicke in die nun dunkelblauen Spalten neben uns, Schneehöhlen mit Eiszapfen glitzern in der Sonne. Winterwonderland.

Hektische Schlüsselstelle

Wir sind noch eine Stunde vom Gipfel entfernt, da wird es hektisch. Das besagte vereiste Steilstück, die Schlüsselstelle liegt vor uns. Die ersten Seilschaften kommen uns entgegen. Es ist Stau. Seile kreuzen sich, ungeduldige Bergsteiger versuchen in gewagten Manövern zu überholen. Man merkt sogleich, dass es für einige das erste Mal auf Eis ist. Wir steigen so zügig wie möglich über die eisige Fläche. Vorbei an hervorstehenden Rucksäcken und über im Weg stehende Eispickel. Hier zeigt sich wieder, dass nicht unbedingt der Berg die Gefahr birgt, sondern andere, oft überforderte Bergsteiger.

Dampflock mit Sicht

Endspurt. Steil, aber technisch einfach geht es die letzte Flanke nach oben. Hier und dort sieht man einzelne schmale Spalten. Die Gruppe wird zur Dampflock: schnaufend aber stetig geht sie voran und erreicht so den Gipfel des Weissmies. Eine andere Seilschaft ist bereits oben auf den 4.027 Metern. Es gibt Umarmungen, Händeschütteln, die Kameras für Fotos werden gezückt. Es lohnt sich, denn die Aussicht ist beeindruckend. Wir sehen bis nach Italien zum Lago Maggiore. Auch die Capanna Regina Margherita auf der Signalkuppe hebt sich klar vom blauem Himmel ab. Staunend verbringen wir die nächste halbe Stunde auf den Gipfel.

Wo geht es denn hier runter?

Doch wer rauf geht, muss auch wieder runter. Unser Bergführer geht nun als letzter in der Seilschaft. An der Front steht nun Peter, welcher zunächst noch etwas orientierungslos ist. Mit der Frage “Wo geht es denn hier runter?” hatte er auf jeden Fall alle Lacher auf seiner Seite. Der Schnee ist jetzt sulzig, die eisige Schlüsselstelle nach unten gestaltet sich als Kinderspiel – so ganz ohne andere Seilschaften! Es zieht sich nun und dennoch ist weiterhin Konzentration angesagt. Auf einem schmalen Pfad gilt es nochmal Schritt vor Schritt zu setzen. Die Knie merken langsam die Anstrengung. Die Jacke wird wieder ausgezogen, nur kurz was trinken, es geht stetig weiter nach unten. Die Bergbahn kommt in Sicht, das letzte Stück Gletscher ist geschafft. Nun heisst es Steigeisen ausziehen und nochmal über Blockwerk zurück. Unerwartet stoßen wir auf den Touristen Wanderweg. Auf einmal sind wir umgeben von beigen Hüten, weißen Hosen und geblümten Blusen. Etwas surreal passieren wir nun auf den letzten Metern, mit Eispickel in der Hand und Gamaschen an den Füßen, die teilweise unbeholfenen Urlauber. Ein letzter Schritt, dann sind wir auf der Sonnenterrasse. Glücklich und geschafft lassen wir uns in die Stühle fallen.

Die Tour in Kürze:

  • Gipfel: Weissmies (4.027 Meter)
  • Höhenmeter: 1.000
  • Tiefenmeter: 1.000
  • Zeit: ca. 3:30 Stunden Aufstieg, ca. 2 Stunden Abstieg
  • Ausgangsort: Saas-Grund. Mit der Bergbahn bis nach Hohsaas.
  • Endpunkt: Saas-Grund
  • Einkehr: Auf der Tour: Selbstversorgung. Nach der Tour: Hohsaas Hütte
  • Schwierigkeit: Leichte – Mittelschwere Hochtour, je nach Wetterlage, Schneebeschaffenheit und individueller Trittsicherheit