Vom Bergsteigen zum Bücher schreiben – im Gespräch mit Stephan Baur, Autor von ‘München-Venedig’

Wir sind von München nach Venedig gelaufen. Doch hätten wir niemals den Weg gefunden, hätten wir nicht dieses kleine rote Büchlein bei uns gehabt, das uns Tag für Tag gesagt hat: wo hin, wie hoch, wie weit, wie schwer, wo noch und warum überhaupt. Der Rother Wanderführer ist eine Art Bibel für die meisten München Venedig Wanderer. Doch wer steht dahinter? Wir haben Glück: Stephan Baur, einer der Autoren ist mit uns zur Schule gegangen und seither guter Freund und Bergberater. Wir haben ihn getroffen und ganz privat geplaudert über Bierlaunen, Bernhardiner und Bergprojekte.

Stephan hat uns zum Essen bei sich zu Hause eingeladen. Wir kurven im Dämmerlicht über hügeliges Voralpenland und finden schließlich den Weg zu einem abgelegen Bauernhof vor Dietramszell. Eine gemütliche Dachgeschosswohnung im Nebengebäude mit freiem Blick auf ein herrliches Bergpanorama. Ja, so kann man sich gut vorstellen, die richtige Inspiration zum Bücherschreiben zu finden.

Vom Lehrer sein und Berge lieben

Stephan ist eigentlich Gymnasiallehrer in Geretsried und unterrichtet Mathe, Physik und Informatik. Die Berge spielten aber schon immer eine große Rolle in seinem Leben. Vom Bergsteigen zum Klettern, Skifahren, Hochtouren, Skihochtouren und Mountainbiken – das volle Programm. Vor der Haustüre, klar. Aber auch in Nepal, Südamerika und Marokko. Seine Diplomarbeit schrieb Stephan damals über die Energieversorgung auf Hochgebirgshütten. Heute überträgt er das Thema auf Entwicklungsländer und schreibt seine Doktorarbeit darüber. Er führt bis heute regelmäßig Gruppen über die Alpen und verbrachte 6 Monate in Nepal. Und dann ist da noch die Sache mit dem Bücherschreiben.

Mit Übereifer zum Angebot

Alles begann 2005 aus einer Laune heraus. Mitten in der Diplomarbeit saß Stephan mit seinem guten Freund Dirk Steuerwald bei Pfannkuchen und Rotwein zusammen – und sie begannen zu träumen und spinnen. Wie wäre es wohl, in den Bergen zu leben, zu fotografieren, zu schreiben bei Espresso und Sonnenschein?! Ein Bildband sollte es werden. Ursprünglich stand der GR20 auf dem Plan, dann wurde es doch der E5. Voller Übereifer schrieben sie noch in dieser Nacht ein erstes Exposé. Zu Ihrer eigenen Überraschung bekamen sie sowohl vom Bruckmann als auch vom Rother Verlag kurz darauf ein Angebot. “Wir waren natürlich hoch erfreut, aber gleichzeitig erstmal überfordert!”, so Stephan zum plötzlichen Auftrag.

Die Entscheidung fiel auf den Rother Verlag. Als klassischer Bergbuchverlag bot er den Jungs die Chance eigenverantwortlich über die nächsten Jahre ein Buch über den Fernwanderweg E5 zu schreiben. Das ist zehn Jahre her. In der Zwischenzeit kamen vier weitere Bücher dazu: München Venedig, ein Buch über die Annapurna Region in Nepal, ein Kletterführer rund um die Mindelheimer Hütte. Und bald ganz neu: ein Mountainbike Führer.

600 km in vier Jahren

Nur noch Wandern. Den ganzen Tag draußen sein. Tolle Fotos machen. Der Alltag eines Bergbuchautors sieht ein wenig anders aus. Zu Beginn hatten aber auch Stephan und Dirk eine etwas verblendete Vorstellung vom Autorendasein. Zuerst mussten sie feststellen, dass der E5 nicht nur von Oberstdorf nach Meran führt, sondern insgesamt 600 km von Konstanz nach Verona. “Schon die ersten Etappen haben gezeigt, dass nicht alles nur Spaß macht.”, lacht Stephan. Sie dachten, sie laufen tagsüber, schreiben am Abend und kommen mit dem fertigen Buch zurück. Das war dann wohl nicht so…

Sie haben vier Jahre zusammen daran geschrieben. Zwischenzeitlich auch eine Diplomarbeit vollendet, ein Referendariat gemacht und an Doktorarbeiten gearbeitet. Auch wenn ein solches Buchprojekte finanziell erstmal ein totales Verlustgeschäft ist und viel mehr Zeit in Anspruch nimmt, als eigentlich geplant, packt einen irgendwie die Leidenschaft und der Ehrgeiz, so Stephan. Und so kam es auch im Anschluss zu besagtem Nachfolgerprojekt ‘Von München nach Venedig’.

Mit Zettel und Stift zum fertigen Buch

Wir erinnern uns an unseren Sommer in den Bergen. Die Beschreibungen im Wanderführer waren teils so präzise, als würden die Autoren direkt neben uns laufen. Aber wie läuft sowas ab? Wir hören von Stephan, dass sich alles relativ banal gestaltet. Mit Zettel und Stift in der Hosentasche notiert er sich die wichtigsten Wegpunkte. Man schafft natürlich nicht exakt die Etappenzeit zu laufen, wie sie am Ende beschrieben wird. Besonders wenn es Varianten gibt, kommen die Jungs meist erst mit Stirnlampe auf der Hütte an. Das Gespräch mit Hüttenwirten und Einheimischen ist aber durch kein noch so exaktes Kartenstudium zu ersetzen. Hier sammeln Sie wichtige Tipps zu Wegeführung und möglichen Insights.

Mit dem Micra durch den Wald

Was uns überrascht: keiner der beiden ist die komplette Tour ganz am Stück gelaufen. Es waren immer Blöcke von mehreren Tagen oder Wochen. Und auch nicht immer zu zweit. Für eine einzig fehlende Etappe in Meran sind sie auch mal für nur einen Tag übern Brenner gefahren. Die wirklich lustigen Momente aber erleben sie immer gemeinsam. Stephan erzählt von spontanen Übernachtungen im Heustadl und schnarchenden Bernhardinern. Und dann gibt es noch die Geschichte von dem kleinen roten Micra, der für eine Etappe kurz vor Bad Tölz halb legal durch den Wald schreddern musste. Hätten wir mal solche Hilfsmittel gehabt…

Stiller Ruhm und gute Reise

Uns fällt auf, dass kein Porträt von den beiden im Buch ist. Ein stiller Ruhm begleitet die Autoren. Und doch sind sie ein bisschen stolz, wenn im Sommer die Wanderer mittags durch Bad Tölz kommen. Stephan setzt sich gerne auf eine Bank an der Isar, wo man zehn Meter weiter abbiegen muss. Er lacht, “Also packen alle das rote Buch aus, lesen kurz den einen Satz – den ich damals geschrieben habe ohne mir viel zu denken – und biegen rechts ab.” Wenn er gut gelaunt ist, gibt er sich sogar zu erkennen, wünscht eine gute Reise und bittet um ehrliches Feedback im Anschluss.

Geheime Pläne

Dann müssen wir das Interview kurz unterbrechen. Stephan spricht von seinem Geheimprojekt. Wir können nur so viel verraten: Ein ganz neuer Weg. Für motivierte, junge Leute. Yeah. Damit meint er sicherlich uns. Und wir freuen uns sehr, irgendwann als eine der Ersten einen neuen Weg erkunden zu dürfen und sogar sagen zu können, dass wir den Wegbegründer persönlich kennen.

Der Abend geht zu Ende mit Pasta, Rotwein, Schnaps und weiteren Anekdoten. Wir fühlen uns bereichert und beginnen unsere ganz eignen Buchpläne zu schmieden. Was meint ihr, ein Bergbuch für Frauen? Bloggen vom Berg? Oder tatsächlich die bereits angedachte Dokumentation unserer Tour im Sommer?

Danke Stephan, für einen wunderbaren Abend und viele Inspirationen für kommende Projekte.

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Das kleine, rote Büchlein – eine Art Bibel auf dem Weg nach Venedig.
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Unser Exemplar trägt eine persönliche Widmung vom Autor.
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Ein wunderbarer Abend bei Stephan … die richtige Laune für ein neues Buchprojekt.

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