Ein Sommer in Norwegen

Dieses Jahr steht beim uns unter skandinavischem Stern. Während Melli bereits im Winter die Lyngenalpen für Skitouren kennen gelernt hat, ist es bereits lange mein Traum den norwegischen Sommer im Fjell zu verbringen.

Fjell. Fjord. Troll.

Die Entscheidung für ein Reiseziel passiert oft nicht ganz rational. Wage Vorstellungen mischen sich mit Klischees, Erzählungen Anderer und schnellen Google-Suchen. Die Fragmente setzen sich zu einem emotionalen Bild zusammen, das irgendwie Sehnsüchte weckt und begehrlich erscheint. Bei der tatsächlichen Reiseplanung geht es dann darum aufzuräumen und die Phantasien mit Realität, Machbarkeit und Reisebudget abzugleichen.

Warum Norwegen? Ich sehe sofort weite Landschaften, ein paar Elche, vielleicht ein Kanu. Hohe Berge. Fjorde. Einsamkeit. Nordlichter. Wikinger. Trolle. Blaubeeren. Lachs. In meiner Vorstellung von Norwegen verbinde ich aber gleichzeitig skandinavisches Design, eine klare Formensprache und eine zurückhaltende Stilsicherheit. Man könnte also meinen ich finde in diesem Land eine konzentrierte Symbiose aus meinen Beruf als Designer und der Leidenschaft für Natur und Berge.

Mit Auto, Schifft, Bus, Bahn, Boot, Flug, Zug… zu Fuß

Der Plan war: mit dem Auto hoch nach Kiel. Die Fähre nach Oslo. Von dort nach Jotunheimen, Rondane, nach Bergen. Übernacht im Zelt. Wild oder auf Zeltplätzen. Das Auto voll Ausrüstung und Essen. Wandern, Tagestouren oder länger von Hütte zu Hütte. Frei sein. Autark. Auf das Wetter reagieren und auf meine Stimmung. Das Land sehen, Leute kennen lernen, rum kommen.

Und nun zum Realitätscheck: Die Fähre von Kiel nach Oslo kostet für mich und mein Auto 1300 Euro. Damit erübrigt sich der Plan Kosten zu sparen indem ich den Großteil meines Essen dabei habe. Wenn ich eine andere Route mit kürzeren Fähren nehme, sitze ich drei Tage im Auto, wenn ich die ganze Strecke alleine fahren muss. Keine gute Idee. Also mit dem Flieger. Das bedeutet aber: kein Essen und sehr reduziertes Gepäck. Schließlich habe ich dann immer alles dabei. Auf dem Rücken. Das bedeutet auch: ich bin nicht wirklich flexibel. Abends noch mal schnell irgendwo hin fahren – fällt aus. Abgelegene, wilde Plätze – nope. Zur Not im Auto schlafen – Fehlanzeige. Und vor allem bedeutet das: ich muss mich verpflegen. Essen gehen. Supermarkt. Und das ist bekanntlich nicht ganz günstig in Norwegen. Naja. Ich spare an der Fähre. Aber am Ende gebe ich wahrscheinlich das gleiche Geld für Essen und Unterkunft dort aus.

Realitätscheck bedeutet auch: schauen wir mal aufs Wetter. Mir ist klar, dass ich keine tropischen Temperaturen erwarten kann. Zum wandern sind 20 Grad auch völlig ausreichend. Ich beobachte seit Tagen die Wettervorhersage von Oslo. Mein Konzept scheint aufzugehen. 20 Grad bei Sonnenschein. Nun fahre ich aber gleich ein ganzes Stück weiter und bin erstmal eine Woche in den Bergen von Jotunheimen. In Glitterheim auf 1.384m werden 6 Grad gemessen. Der zugehörige Glittertind, der auf meiner Gipfelliste steht ist nochmal 1000 Meter höher. Nun ja, so kommt wenigstens die Ausrüstung mal zum Einsatz.

Barbara allein im Fjell

Ich reise allein. Ich muss mich also nur mit mir selbst abstimmen, Entscheidungen treffen und vor allem damit dann umgehen. Niemand der im Zweifelsfall Schuld sein könnte, niemand der mir Entscheidungen abnimmt oder den Rucksack trägt. Dafür bin ich aber auch flexibel. Muss nicht alles vorher planen oder abstimmen. Ich bin frei. Wenn ich müde bin, mache ich Pause. Wenn mir die Berge auf den Nerv gehen, fahre ich in die Stadt. Wenn ich interessante Leute kennen lerne, schließe ich mich an.

Wie ist also der Plan? (Man braucht zumindest ein bisschen Plan, damit man auch was umschmeissen kann.) Um sich grob zu orientieren hilft der Tourismusverband. Visit Norway bietet online (auch in Deutsch) vielfältige Informationen und Inspiration. Ich muss mich allerdings etwas beschränken. Die Strecken sind weit und das Land bietet viel zu viel.

Ein Flug nach Oslo. Ein Bus nach Gjendesheim. Sieben Hütten auf meinem Weg durch die Berge von Jotunheimen. In diesem Gebiet stehen die höchsten Berge Norwegens. Der Galdhoppiggen und der Glittertind, beide knapp 2.470m. Es gibt Gletscher und Flüsse, es geht über weite Ebenen und hohe Scharten. Ich werde über den berühmten Besseggen, den „Sensengrat“ gehen, der die zwei Seen Gjende und Bessvatnet voneinander trennt. Glitterheim, Spiterstulen, Leirvassbu, Gjendebu, Memurubu… die Namen klingen, wie aus einer anderen Welt.

“Norway’s biggest outdoor activities organisation“

Das Hüttensystem in Norwegen ist unserem in den Alpen sehr ähnlich. Es gibt die „Norwegian Trekking Association“ – kurz DNT – die dem Deutschen Alpenverein gleich kommt und sich um die Bewirtschaftung von Unterkünften kümmert. Wanderer und Bergsteiger werden in Lagern und Mehrbettzimmern untergebracht, es gibt Hüttenschlafsäcke und Bettruhe. Der DNT bietet Kurse und Touren an, es gibt Selbstversorgerhütten, Freiwilligenarbeit und eine Mitgliedsgebühr. Natürlich bin ich bereits ordentliches Mitglied geworden und profitiere so von ähnlichen Vergünstigungen wie bei uns.

Besonders gespannt bin ich auf die Hütten. Wahrscheinlich ist „uriger Hüttencharme“ in Norwegen auch von Designgeschichte und Stilbewusstsein geprägt. Elch statt Kuh. Sauna statt Kachelofen. Nordic design statt geschnitzte Zirbelstube.

Jedermannsrecht

Der grobe Plan führt mich danach kurz wieder nach Oslo um dann so richtig ins Fjell zu gehen. Das „Jedermannsrecht“ in Norwegen erlaubt es mir – ganz anders als in unseren Bergen – überall zu zelten. Das wurde im „Gesetz über das Leben im Freien“ vom 28. Juni 1957 so festgeschrieben. Allgemein beinhaltet das Jedermannsrecht das Recht jedes Menschen, die Natur zu genießen und ihre Früchte zu nutzen, unabhängig von den Eigentumsverhältnissen am jeweiligen Grund und Boden. Ich muss mir also nicht überall eine Erlaubnis einholen, keinen Campingplatz suchen oder ein Notbiwak vortäuschen, um draußen schlafen zu dürfen.

Bestens ausgerüstet

Zwar reise ich alleine, aber bei der Vorbereitung und Ausstattung habe ich tolle Unterstützung bekommen. Zelt aufbauen, Feuer machen, Axt schwingen, Gaskocher bedienen, Norwegen verstehen, Schultern trainieren oder die richtige Bar in Oslo finden – all das waren Freunde und Bekannte, Freunde von Freunden oder Kollegen. Menschen, von denen ich was lernen kann und die ich gedanklich mit auf meine Reise nehme.

Dann gibt es aber auch noch tolle Marken, die mich mit Wahnsinns-Ausrüstung versorgen. Ganz bewusst habe ich sehr viele skandinavische Marken dabei – um irgendwie im Thema zu bleiben. Besonders freut mich ein Regen Outfit von Haglöfs, ein Zelt von Nordisk, Handschuhe von Hestra, erste Hilfe von Tatonka, Hüttenschuhe von Merrell und ein Kocher von Optimus. Dazu gibt es noch viele kleine Helferlein und Lieblingsstücke über die sicherlich noch ausführlich berichtet werden wird.