Allein in den Bergen

Die Reaktionen reichen von “Spinnst du?! Aufn Berg geht man nicht allein.” bis hin zu “Ach, die Watzmann Überschreitung kann man schon alleine machen.” Ich bin verunsichert. Nachdem wir aber sogar auf dem Weg nach Venedig immer wieder einzelnen Wanderern begegnen, lasse ich es auf einen Versuch ankommen. Hier das Experiment: Barbara allein aufm Berg.Der Wetterbericht kündigt ein perfektes Wochenende an. Eine der letzten Gelegenheiten die klare Herbstluft draußen zu genießen und die Akkus für den anstehenden Winter aufzuladen. Einziges Problem: Keiner hat Zeit. Nach einigem hin und her beschließe ich, mich allein auf den Weg zu machen.

Die Planung

Lassen wir den Watzmann mal bei Seite. Wo geht man alleine hin? Ganz bewusst entscheide ich mich für eine Tour in bekanntem Terrain. Nicht gleich übertreiben. Über das Hallerangerhaus hatten wir im Sommer bereits berichtet. Verlaufen ausgeschlossen. Sicherheitshalber nehme ich aber ausführliches Kartenmaterial mit. Man weiß ja nie. Außerdem melde ich mich offiziell bei Freunden und Familie ab, so dass jeder weiß, wo er im Zweifelsfall nach mir suchen muss.

Die Anreise

Nachdem ich allein unterwegs bin, gibt es heute leider auch keinen Fahrservice. Auto habe ich derzeit kein eigenes, also muss ich wohl oder übel mit der Bahn anreisen. Mein Experiment ist gleichzeitig eine Wiesn-Flucht ist, daher begegne ich bereits auf dem Weg zum Bahnhof allerlei lustigen Gestalten. Mir ist nur nicht ganz klar, ob die Trachtler früh um sieben NOCH unterwegs oder SCHON auf dem Weg ins Bierzelt sind. Beides eigentlich absurd. Spätestens im überfüllten Zug allerdings bin ich umgeben vom üblichen Wandervolk. Ausschließlich Gruppen, Pärchen und Familien vollequiped mit GoreTex und Primaloft.

Der Aufstieg

Bis nach Scharnitz leert sich der Zug fast komplett. Mit einem älteren Ehepaar bin ich der einzige Fahrgast, der hier aussteigt. Der richtige Weg ist schnell gefunden. Es geht mit sanfter Steigung immer am Bach entlang. Die Stimmung ist ungetrübt. Die Sonne scheint. Die Luft ist klar. Ich finde es ganz wunderbar allein unterwegs zu sein.

Ich bleibe allein. Für die nächsten drei Stunden. Nur einzelne Mountainbiker überholen mich. Aber kein einziger Wanderer teilt den Weg mit mir. Normalerweise freue ich mich über einsame Bergwege. Kein Geschnatter. Keiner Trödler. Keine Drängler. Jetzt ist es anders. Irgendwie. Seltsame Gedanken schleichen sich ein. Was ist wenn? Herzversagen. Verirrte Bären. Ein plötzlicher Wettersturz. Kann ja alles sein. Ich möchte das Alleinsein gerne genießen, scheint aber nicht ganz so einfach zu sein. Sind wir so überzivilisiert, dass uns absolute Einsamkeit beängstigt?

Irgendwann beginnen die Selbstgespräche. Zunächst nur in meinem Kopf. Dann bewegen sich die Lippen. Die ersten Silben. Einzelne. Dann halbe Sätze. Geflüstert. Gesprochen. Irgendwann kommentiere ich meinen Weg. Das Wetter. Die Berge. Als mir nach drei Stunden endlich andere Wanderer begegnen, freue ich mich ehrlich, als sie mich bitten, ein Foto von ihnen zu machen. Die Wörter sprudeln nur so aus mir heraus. Da hat sich wohl was aufgestaut. Ach, und noch ein Foto weils so nett ist. Wie peinlich.

Die Hütte

Eine schöne Tour. Aber ich freue mich irgendwann nach fünf Stunden anzukommen. Ohne Herzversagen, Bruno oder Blitzeinschlag. Thomas, der Hüttenwirt erinnert sich und empfängt mich herzlich. Er ist zu einem begeisterten Leser unseres Blogs geworden. Ich kenne mich aus und fühle mich gleich zu Hause. Die Aussicht aus der gemütlichen Stube ist nach wie vor fantastisch. Nur das Publikum hat sich verändert. Die Hüttengäste sind nicht auf dem Weg nach Venedig. Auffällig viele Familien mit kleinen Kindern sind unterwegs. In der Stube herrscht lautes Treiben. Den Kleinen ist langweilig. Torben, Stella und Vinzent vom Nachbartisch spielen ‘Kuckuck’. Mit mir. Hurra. Bis einer mit dem Kopf an die Wand knallt. Aua. Dafür kann ich jetzt aber nix.

Irgendwie werde ich gemieden. Das komische Mädchen sitzt ganz allein am Tisch. Scheinbar abschreckend. Die Familien bleiben unter sich. Die Pärchen auch. Nachdem die Hütte aber voll wird, bleibt irgendwann keine andere Wahl. Zu mir setzen sich drei Herren in meinem Alter. Alfred. Dirk. Und Andi. Bodenständig, aus Franken. Wir unterhalten uns nett. Das Angebot das letzte Bett in ihrem 4er-Zimmer einzunehmen, muss ich allerdings dankend ablehnen.

Der Weg zurück

Es ist eine klare Nacht und bereits der Morgen verspricht bombastisches Wetter. Ich entscheide mich noch auf einen Gipfel zu gehen, bevor es wieder endgültig ins Tal hinab geht. Ein wunderschöner Steig führt durch Latschen hindurch auf die Sunntiger Spitze. Von hier aus hat man einen unvergleichlichen Blick. Nach Norden auf die Birkkarspitze und im Süden bis auf die Zentralalpen.

Aus der Entfernung höre ich Plötzlich Gekeife. Ich nähere mich einer Familie mit drei Kindern, die dem Bergsteigen offensichtlich wenig abgewinnen können. Die schwer pubertierende Tochter im aussichtslosen Wortgefecht mit der Mutter: ‘Ich hasse Berge. Ich will das Jetzt echt nicht. Selber Maul halten’. Ich freue mich sehr darüber, selbst über meine Freizeit verfügen zu können und genau jetzt genau hier zu sein. Allein.

Die Erkenntnis

Wandern alleine funktioniert. Es ist definitiv die bessere Wahl, als garnicht draußen zu sein. Auch wenn ich schon viel solo auf der Welt unterwegs war, und durchaus meinen Spaß dabei hatte, kann ich mich nicht ganz so sehr für die absolute Bergeinsamkeit begeistern. Ich brauche Komplizen. Zum Fotos machen, Stöcke halten, Schnaps trinken und Bären vertreiben. Danke an alle, mit denen ich bisher am Berg war. Ich freue mich auf die nächste Tour. In diesem Sinne: Wer hat Zeit?