Bergsteigen in Sri Lanka: Von Platzangst, 5.200 Treppenstufen und den richtigen Socken

Ein Urlaubs-Herzensprojekt: Die Besteigung des Adam’s Peak (2.243 Meter) im zentralen Hochland von Sri Lanka. Pilgerstätte, Gipfeltraum und Wadelbeißer. Eine Nachtexpedition, die uns über 5.200 Treppenstufen auf den Gipfel des heiligsten Berges des Inselstaates führt. Bergsteigen mal anders.

Ein Gipfel, der die Religionen eint

Nicht nur optisch reizt uns dieser Berg: ein spitzer Kegel inmitten einer tropisch grünen Hügellandschaft. Auch die kulturelle Komponente ist äußerst spannend, eint der Adam’s Peak, als wichtigster Pilgerort für die gläubigen Inselbewohner, die großen Weltreligionen. Buddhisten, Hindus, Muslime und Christen steigen dabei in großer gegenseitiger Toleranz auf diesen Berg. Buddhisten nennen ihn Sri Pada, für Hindus ist es der Shiva Padam, Muslime und Christen sprechen vom Adam’s Peak. Jeder Gläubige sollte einmal in seinem Leben auf diesem Gipfel gewesen sein, am Tempel, der das eigentliche Ziel jener Wallfahrt ist. Dort befindet sich eine 1,5 Meter lange Vertiefung im Felsen, welche laut buddhistischen Glauben ein Fußabdruck Buddhas, für Hindus von Shiva stammt und wenn es nach den Muslimen geht, ist es der Abdruck Adams. Auch die Christen glauben, dass Adam hier war. Es könnte jedoch auch der Apostel Thomas gewesen sein. Auf jeden Fall, wird jedem an diesem Ort sein Glaube gelassen. Was so ein bisschen Toleranz bewirkt….

Beleuchtete Treppen im Dschungel

1:15 Uhr: der Wecker klingelt. Wer hatte nur die super Idee auf diesen Berg zu gehen?! Was für eine unchristliche Zeit für solch einen heiligen Berg. Es hilft nichts: raus aus den Federn, Klamotten an, Stiefel schnüren, den Rucksack mit Wasserflaschen bestücken, Stirnlampe und Softshell Jacke sind auch dabei. Ein Blick vom Balkon: Es ist stockfinster, aber immer noch warm vom vorangegangen Tag. Es geht raus aus dem Hotel. Nicht einmal 50 Meter von unserer Unterkunft entfernt, die erste gelb schummrige Straßenlaterne. Und das im Dschungel. Sowas gibt es nicht mal in meinem Heimatdorf, so mitten in der Nacht. Gut beleuchtet geht es dann auch so weiter. Die Stirnlampe ist überflüssig. Manche Passagen erinnern mich sogar an Montmartre in Paris. Eine breite Treppenallee, in der Mitte verschnörkelte Straßenlampen, nur etwas rustikaler, mit mehr Grün. Stufe um Stufe geht es den ockerfarbenen Stein hinauf. Definitiv eine andere Art der Bergwanderung.

Die kritische halbe Stunde

Die meisten Pilger und Touristen starten um zwei Uhr Nachts, um pünktlich um sechs Uhr zum Sonnenaufgang auf dem Gipfel zu sein. Besonders zur Pilgersaison von Dezember bis Mai schieben sich bei Vollmondnächten wohl bis zu 10.000 Pilger auf diesen Berg. Vollmond war zu unserem Glück gestern, wir wollen jedoch den großen Massen entgehen und starten zur Sicherheit eine halbe Stunde früher als empfohlen. Tatsächlich treffen wir auf langer Strecke niemanden, zumindest bergauf. Auf der Gegenspur bergab kommen uns jedoch bereits zahlreiche Einheimische entgegen. Erst in Nachhinein erfahren wir, dass diese bereits auf dem Adams Peak gewesen sind und nun wieder absteigen. Den Singahlesen ist der Sonnenaufgang nicht das primäre Ziel – wie uns Touristen – sondern das Pilgern an sich.

Checkpoint Buddha. Shiva grüßt von gegenüber.

Wir kommen an einen regelrechten Checkpoint. Mönche in orangenen Roben begrüßen uns freundlich. Es ist 2:30 Uhr, es wird leise gebetet. Wir tragen uns in ein dickes Buch mit Namen, Herkunft und Spendenbetrag ein. Ja, ohne die ein oder andere Spende geht hier nichts. Ein dünnes weißes Bändchen wird uns um das Handgelenk gebunden. Es soll für Schutz und Sicherheit auf unserem Weg sorgen. Vielleicht hilft das ja auch bei meiner Schlangenphobie. Ich habe ja auch immer noch Angst, dass mich eine verrückte Kobra aus dem Gebüsch anspringt. Bereits 100 Meter weiter, ein Hindu Tempel. Rot und grün beleuchtet wie ein Tannenbaum, laute Sprechchöre dringen aus einem über dem Schrein angebrachten Lautsprecher. Was für ein Bild: Tempel an Tempel, Glaubensrichtung an Glaubensrichtung, ganz normal hier.

Von Alt und Jung, keuchenden Touristen und schlafenden Einheimischen

Wahnsinn, wer da so vom Gipfel kommt bzw. aufsteigt. Betagte Frauen seitwärts gehend, dabei schwer auf den Stock gestützt, Familien mit Babys auf dem Arm, ganze Schulklassen – das Pilgern scheint keine Frage des Alters zu sein. Was hoch oder runter muß wird zur Not gestützt oder getragen. Einige Einheimische schlafen, wohl vor Erschöpfung, mitten auf den Treppenstufen. Auch der ein oder andere Tourist macht schlapp, hat er uns zumeist vorab in einem Affentempo schwer keuchend überholt – ein Klassiker.

Ja ist denn hier Kirmes?

Der Weg zum Berg wird nicht langweilig. Immer wieder links und rechts zahlreiche Stände. Tee, Nüsse, Currys und für europäische Augen spannend anzusehende Süßigkeitenberge wechseln sich mit rosaroten Teddybären, Blumen Gestecken und Kunstdrucken unterschiedlichster Gottheiten ab. Ein bisschen Jahrmarkt Feeling, das aber zum Verweilen einlädt und eine willkommene Abwechslung beim Treppensteigen / Bergsteigen darstellt.

5 Uhr: Treppenstau und Fluchtgedanken

Die meisten Treppen sind geschafft. Stetig in alter Bergsteigermanier liegen 5.100 Stufen hinter uns. Der Tempel ist in Sicht. Und auf einmal wird es voll. Was vorher noch ein lockerer Aufstieg mit viel Platz war, endet abrupt 100 Treppenstufen vor dem Gipfel. Stau. Ein nicht versiegender Menschenstrom hinter uns. Nichts geht mehr, weder vor noch zurück. Platzangst oder Berührungsängste sind hier fehl am Platz. Es geht nur mühsam vorwärts. Vielleicht eine Stufe pro Minute. Die Treppen sind mittlerweile so steil, das man sich senkrecht am mittigen Geländer hochzieht. Ein paar Schreckensszenarien huschen mir durch den Kopf. Aber es bleibt friedlich. Kein Drängeln, Drücken oder ähnliches. Das wäre in Deutschland schon anders. Also tief durchatmen, der Gipfel ist in Sicht. Mönchsgesänge kommen bereits herabgeweht.

Augen auf bei der Sockenwahllieberdraussen_adamspeak_socken

Fast oben, müssen die Schuhe aus, Socken sind in Ordnung auf diesem heiligen Boden. Und da sind wir schon beim Dilemma. Der Mann trägt schöne, aber für diesen Ort äußerst unpassende Fußbekleidung: die Schriftzüge ‘Fucking Right’ und ‘Fucking Left’ zieren seine Füße. Schnell auf links gedreht, kann das Malheur jedoch schnell und unbürokratisch beseitigt werden – unter den schmunzelnden Gesichtern der anderen Touristen.

Versöhnlicher Sonnenaufgang

Der Fels ist frostig, eisiger Wind weht, die Menschenmasse, in der wir uns befinden, schützt jedoch etwas. Gemütlich ist allerdings etwas anderes. Immerhin, nach einer weiteren langen halben Stunde, werden wir regelrecht auf den flachen Gipfel ausgespuckt. Eine Glocke läutet einmal, achtmal, zweimal. So oft wie man den Adam’s Peak bestiegen hat. Auch wir läuten – ein schöner Moment. Ein paar Fotos. Warten auf die Sonne. Die wenigen Touristen rotten sich an einer Seite des Gipfelplateaus zusammen. Irgendwie ein lustiges Phänomen – wahrscheinlich weil doch alles sehr fremd ist, die vielen Menschen, die Sprache, das Ritual. Und dann kommt sie endlich. Die Sonne. Kitschiges rot wechselt sich mit gelb und lila ab. Der früh morgendliche Nebel reißt auf und gibt den Blick auf eine giftgrüne von Seen durchzogene Landschaft frei. Es hat sich gelohnt. Die 5.2000 Treppenstufen.

Es geht bergab

Wieder runter. Es geht zügig abwärts, sobald die ersten 100 Höhenmeter hinter uns liegen. Einkehr am Teestand und das Erlebte bei schwarzen, stark gesüßtem Tee aus Tassen mit Bärchenaufdruck (Gedanken an eine Büroküche drängen sich auf) sacken lassen. Die Temperaturen steigen, der Schweiß läuft nun wieder in kleinen Rinnsalen. Gefühlte 40 Grad. Die Waden brennen vom Treppensteigen. Der Abstieg ist anstrengender als der Aufstieg. Jugendliche in weißen Hemden und Flipflops überholen uns leichtfüßig und wundern sich über unsere Trekkingschuhe und vollgepackten Rucksäcke. Die etwas andere Bergwanderung ist geschafft. Der Ausblick wird in Erinnerung bleiben.

Die Tour in Kürze

Gipfel: Adam’s Peak, Sri Lanka
Ausgangsort: Dalhousie (1.200 Meter)
Höhenmeter: 1.000 bergauf, 1.000 bergab
Treppen: 5.200 hoch, 5.200 runter
Länge: 7 km
Dauer: 3,5h Aufstieg, 2h Abstieg
Einkehr: An den zahlreichen Ständen problemlos möglich. Diese öffnen um ca. 2:30 Uhr.

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